Ghosting-Beziehung-Generation Y

Ghosting, als Begriff im Jahr 2015 geboren, ist als Handlung wahrscheinlich schon ein paar Jahre früher zu unserer Gewohnheit geworden. Es ist aber auch zu schön: Schluss machen, ohne wirklich Schluss zu machen. Was gibt es Schöneres? Das ganze Drama einfach Drama sein lassen und den Schritt ins unbeschwerte Single-Leben, ohne das unnötige Drama, machen. Das ist Ghosting.

Was ebenfalls 2015 geschehen ist: Der Akt des Ghostings wurde über alle Maßen als unmoralisch verurteilt. Auch ZEITjUNG hat dazu Stellung bezogen, denn Ghosting ist irgendwie feige. Es ist nicht die feine Art eine Person, für die man einst rosig-romantische Gefühle hegte, einfach so aus seinem Leben hinaus zu schmeißen. Denn Ghosting ist genau das: Das Wegwerfen eines Kontakts, das Blockieren von Nachrichten und das Ignorieren von Anrufen. Objektiv gesehen, ist das wirklich ziemlich scheiße.

“Ich muss wirklich mehr Zeit mit meinen Großeltern verbringen.“

Dass halbherzige Schluss-Mach-Sprüche eine Trennung manchmal noch schmerzhafter machen können, kennen wir alle: “Es liegt an mir, nicht an dir“ hat noch kaum eine Trennung weniger hässlich gemacht. Die Erniedrigung, die einer offensichtlich abgedroschenen Phrase inne liegen kann, ist kaum zu überbieten. Haben wir sie doch schon alle unzählige Male in kitschigen Hollywood-Produktionen und bei GZSZ gehört.

Was an dieser Stelle eigentlich helfen würde: Ehrlichkeit. Und da auch ZEITjUNG versuchen will ehrlich zu sein, geben wir zu: Wer ist schon immer ehrlich? Und wie kann man Ehrlichkeit lernen? An die Stelle der Ehrlichkeit tritt dann viel zu oft Feigheit und der Wunsch dem anderen nicht in’s Gesicht sagen zu müssen, dass man einfach keine Lust mehr auf Ihn oder Sie hat.

“In meinem Leben ist im Moment einfach kein Platz für eine Beziehung.“

Was nun folgt, wird jedem, der schon mal unter dem Akt des Ghostings leiden musste, ganz und gar nicht gefallen: Manchmal, wirklich nur manchmal, ist Ghosting die beste aller Lösungen. Wenn Beziehungen, Bekanntschaften und kleine “Flirtereien“ aussichtlos erscheinen und schon am Anfang langweilen, ist Ghosting nicht nur der einfache, sondern sogar der richtige Weg aus der Sache unbeschadet herauszukommen. Für alle Beteiligten.

“Ich muss mich noch ausleben.“

Ein weiterer Ghosting-Mythos, der dringend aufgeklärt werden sollte, ist das Gerücht, dass Ghosting eine Erfindung der hochgradig digitalisierten Generation Y sei. Allen voran sollen Dating-Apps, wie Tinder, uns zu den Ghosting-Pionieren gemacht haben.

Wahrscheinlicher ist doch, dass die Befindlichkeits-Mediensparte, die auch wir mit ins Leben gerufen haben, dafür verantwortlich ist, dass Ghosting so ein großes Thema werden konnte. Denn auch unseren Eltern und Großeltern ist zuzutrauen, ehemalige Freunde und Freundinnen mal einfach so unterwegs “verloren“ zu haben. Ganz ohne großes Schluss-Mach-Drama.

Aber zurück zum Thema: Ghosting ist manchmal voll okay – und zwar dann, wenn es uns lächerliche Lügen und absurde Ausreden erspart. Und, wenn die großen Gefühle, wie so oft, mal wieder nicht im Spiel waren. Und, nicht zu vergessen, wenn er oder sie sich ganz offensichtlich, wie ein Arsch verhalten hat.

Bevor wir also das nächste Mal die “Ghosting ist scheiße!“-Moralkeule schwingen, sollten wir noch mal kurz dran denken, was so eine weitere lieblos hingeklatschte Trennung anrichten kann.

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Bildquelle: Dahiana candelo/unsplash.com