Sex IQ: Braucht dein Sexleben jetzt auch einen Score?
Du trackst deine Schlafqualität mit der Smartwatch, deine Schritte mit dem Handy, deine Meditationsminuten mit einer App. Fehlt eigentlich nur noch: eine Zahl für dein Sexleben.
Genau die bietet Dr. Emily Morse an. Die Sexualtherapeutin und Host des bekannten US-Podcasts „Sex With Emily“ bewirbt ihr Konzept des „Sex IQ“ – ursprünglich aus ihrem Buch „Smart Sex: How to Boost Your Sex IQ and Own Your Pleasure“ – derzeit wieder verstärkt in ihren Newslettern.
Die Frage, die sich dabei unweigerlich stellt: Ist das ein cleveres Reflexionstool – oder haben wir hier gerade einfach eine neue Kategorie erfunden, in der man „gut“ oder „schlecht“ abschneiden kann?
Was der „Sex IQ“ eigentlich misst
Wichtig vorab, weil hier viel Missverständnis droht: Der Sex IQ misst laut Morse ausdrücklich nicht deine sexuelle Erfahrung, deine Technik oder die Anzahl deiner Partner*innen. Das Konzept basiert stattdessen auf fünf emotionalen und mentalen Säulen:
- Embodiment: Dein Körperbewusstsein und wie präsent du im Moment bist.
- Health: Dein körperliches und emotionales Wohlbefinden.
- Collaboration: Die Qualität der Kommunikation mit deinen Partner*innen.
- Self-Knowledge: Das Wissen über deine eigenen Vorlieben und Trigger.
- Self-Acceptance: Deine Selbstakzeptanz frei von Schamgefühlen.
Ein Online-Quiz mit 15 Fragen auf einer fünfstufigen Skala ergibt am Ende einen Score zwischen 15 und 75 Punkten, der in verschiedene Kategorien mit konkreten Handlungsempfehlungen mündet.
Klinisch eingeordnet ist das im Kern ein klassisches Selbstreflexions-Tool, wie es Sexualtherapeut*innen in ähnlicher Form auch in der Offline-Praxis nutzen – nur eben verpackt in ein quantifizierbares, quiz-freundliches Format für die heutige Zeit.
Befreiender Klartext oder neuer Leistungsdruck?
Und genau an dieser Schnittstelle wird es interessant. Die Medaille hat wie so oft zwei Seiten:
Die Chance: Destigmatisierung
Wenn ein spielerischer Score dir dabei hilft, offener über deine Wünsche zu sprechen oder Scham abzubauen, ist das absolut positiv. Sexualität wird im Alltag nach wie vor selten so rational und offen besprochen, wie es gesund wäre.
Das Risiko: Der Optimierungswahn
Auf der anderen Seite reiht sich der „Sex IQ“ nahtlos in den allgegenwärtigen Trend des Wellness-Trackings (Schlafscore, Recovery-Score, HRV) ein, der zunehmend auch unsere intimsten Lebensbereiche erfasst. Sobald aus Selbsterkenntnis eine nackte Zahl wird, entsteht fast automatisch der Impuls zum Vergleichen – mit dir selbst aus der Vorwoche, mit einer imaginären Norm oder sogar direkt mit dem Partner oder der Partnerin.
In einem Lebensbereich, in dem Leistungsdruck und Versagensängste ohnehin zu den häufigsten Problemen gehören, kann das schnell kontraproduktiv wirken. Ob ausgerechnet ein numerischer Score das richtige Werkzeug für mehr Leichtigkeit ist, bleibt daher eine berechtigte kritische Frage.
Was das für dich im Alltag bedeutet
Falls du das Quiz aus Neugier ausprobierst, solltest du die Zahl am Ende auf keinen Fall als Zeugnisnote verstehen. Viel nützlicher als das Endergebnis ist der Prozess davor: Die Fragen selbst sind hervorragende Denkanstöße und können als konkreter Gesprächsanlass mit dir selbst oder in deiner Beziehung dienen.
Und falls dich Scores in intimen Lebensbereichen eher stressen als entlasten: Du musst diesen Trend nicht mitmachen, um an deinem Liebesleben zu arbeiten. Es gibt keinen Mindest-Score für ein erfülltes Sexleben.
Die eigentlich gute Nachricht hinter dem Hype ist ohnehin eine andere: Dass ein Konzept über sexuelle Selbstreflexion eine solche Millionenreichweite erzielt, zeigt, dass das Thema langsam sein Tabu verliert. Und dafür braucht es am Ende eigentlich gar keine Zahlen.
Photo by Alina Kurson: https://www.pexels.com/photo/a-couple-covering-body-with-white-textile-10554302/