Die unsichtbaren Arbeiter:innen hinter jedem Chatbot
Stell dir vor, du hast Architektur studiert, jahrelang Bauprojekte geplant, und verdienst jetzt dein Geld damit, einer KI beizubringen, wie man einen Bauvorschlag schreibt. Für immer mehr hochqualifizierte Fachkräfte in China ist das längst keine Zukunftsvision mehr, sondern Alltag.
Wenn der eigene Berufsstand zur Trainingsdaten-Quelle wird
Das Rechercheportal Rest of World beschreibt, wie Anwält:innen, Architekt:innen, Ingenieur:innen, Softwareentwickler:innen, Journalist:innen, Steuerberater:innen und Headhunter:innen in China zunehmend Gig-Jobs als KI-Trainer:innen annehmen, oft weil ihre eigentliche Branche gerade schwächelt. Die Architektin Cuicui etwa, deren Einkommen sich halbierte, nachdem Infrastrukturausgaben zurückgingen, unterrichtet nun auf der Plattform TalentsAI, wie man überzeugende Bauvorschläge formuliert. Sie beschreibt die Arbeit so: Es sei wie einem Kind etwas beizubringen, jede Aufgabe müsse aus ihrer eigenen echten Berufserfahrung stammen.
Die Juristin Liu wiederum entschied sich bewusst gegen eine klassische Anwaltsstelle mit langen Arbeitszeiten und trainiert stattdessen KI-Modelle für mehrere Plattformen, darunter Moonshot AI und Tencent. Ihre Begründung ist bemerkenswert nüchtern: Wenn sie ihr Wissen nicht an die KI weitergebe, tue es eben jemand anderes. Die Software-Ingenieurin Jessica, mit über zwanzig Jahren Berufserfahrung, verdient für viele Stunden Arbeit nur wenige hundert Yuan und sorgt sich gleichzeitig, dass ihre eingereichten Arbeitsdateien missbraucht werden könnten. Ihr Fazit: Man müsse sich ständig weiterentwickeln, um nicht komplett ersetzt zu werden.
Bezahlt wird zwischen 15 und 74 Dollar pro Aufgabe
Konkret verdienen diese KI-Trainer:innen in China zwischen 100 und 500 Yuan pro Aufgabe, umgerechnet etwa 15 bis 74 US-Dollar. Trotzdem gilt der Einstieg für viele der Befragten als eine Art Eintrittskarte in eine Branche, die als „Zukunftsbranche“ gilt, selbst wenn die Bezahlung schlechter und die Jobsicherheit geringer ist als in ihren ursprünglichen Berufen.
Zwischen Notlösung und bewusster Entscheidung
Auffällig an den geschilderten Fällen ist, wie unterschiedlich die Motivation ausfällt. Für die Architektin Cuicui ist es eine erzwungene Notlösung, weil ihr angestammtes Berufsfeld wegbricht. Für die Juristin Liu ist es dagegen eine bewusste Entscheidung gegen ein Arbeitsumfeld, das sie als ausbeuterisch empfindet, hin zu einer Tätigkeit, die ihr trotz geringerer Bezahlung mehr Kontrolle über ihre Zeit lässt. Beide eint aber dieselbe Grunderfahrung: Ihr über Jahre erworbenes Fachwissen wird plötzlich stückweise verkauft, Aufgabe für Aufgabe, an ein System, das genau dieses Wissen irgendwann selbstständig reproduzieren soll.
Warum das auch für dich relevant werden könnte
Was diese Geschichte über den chinesischen Kontext hinaus interessant macht: Sie zeigt, wie sich der Wert von jahrelanger Fachexpertise gerade verschiebt, wenn genau dieses Wissen plötzlich als Trainingsmaterial für Systeme gefragt ist, die diese Expertise langfristig teilweise ersetzen sollen. Es lohnt sich, diese Entwicklung im Blick zu behalten, auch wenn sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktuell noch seltener sichtbar ist, denn die Frage, wer eigentlich von deinem Fachwissen profitiert, sobald du es mit einer KI teilst, wird in den kommenden Jahren auch hierzulande relevanter – gerade wenn du in einem Berufsfeld arbeitest, in dem Expertise bisher vor allem durch jahrelange Erfahrung entstanden ist. Die Geschichten von Cuicui, Liu und Jessica sind damit weniger eine Randnotiz aus einem fernen Arbeitsmarkt als ein früher Blick darauf, welche Fragen sich auch hierzulande stellen werden, sobald KI-Trainingsjobs auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einer ernstzunehmenden Einkommensquelle für Fachkräfte werden.
Foto von cottonbro studio: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-frau-sitzung-sitzen-8720597/