Warum plötzlich ein Ring 16 Milliarden Dollar wert sein soll
Was, wenn ein einzelnes Schmuckstück an deinem Finger einem Unternehmen zu einer Bewertung verhelfen könnte, die höher ist als die mancher Fluggesellschaft? Genau darauf steuert Oura zu, der finnische Hersteller des gleichnamigen Trackingrings.
Vom Nischenprodukt zum Börsenkandidaten
Oura hat die Unterlagen für einen Börsengang an der Nasdaq bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Die angepeilte Bewertung liegt bei über 16 Milliarden US-Dollar, bei einem zuletzt um 74 Prozent gewachsenen Umsatz und mittlerweile rund fünf Millionen Mitgliedern weltweit. Was als Nischenprodukt für Biohacker:innen begann, ein Ring, der Schlaf, Herzfrequenz und Zyklusdaten trackt, ist zu einem der bekanntesten Namen im Bereich Wearables geworden.
Der Aufstieg von Oura steht dabei nicht für sich allein, sondern für einen größeren Trend: Immer mehr Menschen wollen nicht nur wissen, wie viele Schritte sie am Tag gehen, sondern möglichst lückenlos verstehen, wie es um ihren Körper steht, im Schlaf, im Zyklus, im Stresslevel. Genau dieses Bedürfnis nach permanenter Selbstvermessung macht aus einem Ring ein Milliardengeschäft.
Was der Hype übers Selbst-Tracking eigentlich über dich verrät
Auf den ersten Blick wirkt Dauer-Tracking wie reine Selbstfürsorge, du willst schließlich nur besser auf dich achten. Interessant wird es aber bei der Frage, was mit dir passiert, wenn eine App dir plötzlich einen niedrigen „Readiness Score“ für den Tag anzeigt, obwohl du dich eigentlich gut fühlst. Studien zu Wearables deuten schon länger darauf hin, dass ständiges Zahlen-Feedback neben Beruhigung auch zusätzlichen Druck erzeugen kann, insbesondere wenn du beginnst, dein eigenes Körpergefühl den Zahlen auf dem Bildschirm unterzuordnen.
Das heißt nicht, dass Tracking grundsätzlich schlecht ist, viele Menschen profitieren tatsächlich davon, Muster in ihrem Schlaf oder ihrer Erholung sichtbar zu machen.
Ein Milliardengeschäft mit deinen intimsten Daten
Was den Börsengang zusätzlich einordnungswürdig macht: Ein Ring, der Zyklus- und Schlafdaten erfasst, sammelt einige der intimsten Informationen, die es über einen Menschen gibt. Ein Unternehmen, das mit diesen Daten eine Bewertung von über 16 Milliarden Dollar anstrebt, verdient sein Geld letztlich auch daran, wie viel Vertrauen Nutzer:innen bereit sind, in ein einzelnes Gerät zu legen. Das wirft die Frage auf, wie genau diese Daten geschützt werden, sobald ein Unternehmen an die Börse geht und gegenüber Investor:innen unter Druck steht, aus genau diesen Daten möglichst viel wirtschaftlichen Wert zu ziehen, etwa über neue Bezahlfunktionen oder Kooperationen mit Versicherungen.
Was du für dich mitnehmen kannst
Es lohnt sich, dich ehrlich zu fragen, ob eine Trackingfunktion dir hilft, besser auf dich zu hören, oder ob sie eher dazu führt, dass du dein eigenes Körpergefühl zunehmend ignorierst, sobald die App etwas anderes anzeigt. Der Börsengang von Oura ist am Ende auch ein Gradmesser dafür, wie groß der Markt für genau dieses Bedürfnis inzwischen geworden ist, und wie viel wir bereit sind, für das Gefühl von Kontrolle über den eigenen Körper zu bezahlen, selbst wenn diese Kontrolle am Ende nur eine Zahl auf einem Bildschirm ist. Ein guter Test für dich selbst: Schau am Ende der Woche zurück und frag dich, ob dir dein Tracking-Score mehr über deinen Körper verraten hat, oder eher darüber, wie viel Vertrauen du inzwischen einem Bildschirm entgegenbringst statt deinem eigenen Gefühl.
Foto von ADENIUSO Gomes: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-des-austauschs-der-eheringe-30679836/