Trauma, Travis Scott und Troja: Warum Nolans „Die Odyssee“ das Kino sprengt
Vergiss alles, was du im Geschichtsunterricht über die griechische Antike gelernt hast. Seit dem deutschen Kinostart Mitte Juli beherrscht ein Film die Timeline, die Feuilletons und die Pausengespräche: Christopher Nolans neues 250-Millionen-Dollar-Epos „Die Odyssee“. Der Regisseur wagt sich an den ältesten Mythos der westlichen Welt – und liefert einen beinahe dreistündigen Trip ab, der das Publikum aktuell massiv spaltet. Manche Kritiker feiern die Adaption als visuelles Meisterwerk, andere finden Teile der Dialoge und Szenen langweilig. Wir verraten dir, warum der Streifen genau jetzt das absolute Kinohighlight ist.
Ein Cast, der die Server crashen lässt
Wenn Christopher Nolan ruft, kommen sie alle. Und bei „Die Odyssee“ hat er wirklich das absolute Hollywood-Royalty versammelt. Matt Damon spielt den traumatisierten Odysseus, der auch acht Jahre nach dem Trojanischen Krieg noch immer nicht den Weg nach Hause gefunden hat. Seine Frau Penelope, verkörpert von Anne Hathaway, wird derweil auf Ithaka von einer Horde übergriffiger Freier belagert, die sie zu einer neuen Heirat drängen wollen.
Aber der heimliche Star des Films für viele Fans? Tom Holland als Odysseus‘ Sohn Telemachos. Holland tauscht den Spider-Man-Anzug gegen die Antike und muss sich gegen den extrem schmierigen Freier Antinoos (Robert Pattinson) behaupten. Und als wäre das nicht genug Star-Power, mischen auch noch Zendaya als Kriegsgöttin Athene und Charlize Theron als Nymphe Kalypso mit.
Trauma statt Toga
Wer ein fröhliches Sandalen-Spektakel erwartet, ist im falschen Saal. Nolan macht aus „Die Odyssee“ eine düstere, psychologische Abrechnung mit der Identität des Kriegermannes. Statt Poseidon nur klassisch als wütenden Meeresgott darzustellen, ist der eigentliche Gegner von Odysseus sein eigenes Kriegstrauma. Ähnlich wie bei „Oppenheimer“ geht es um einen Mann, der durch ein Labyrinth aus Schuld und Erinnerungen irrt, weil eine unbeschwerte Heimkehr unmöglich geworden ist. Das macht den Film streckenweise extrem fordernd, aber eben auch wahnsinnig tiefgründig.
IMAX-Wahnsinn und antike Synthesizer
Nolan wäre nicht Nolan, wenn er nicht auch technisch die absolute Eskalation suchen würde. Der Film wurde weltweit an Orten wie Marokko, Griechenland, Island und der Westsahara gedreht – und zwar komplett mit 70-mm-IMAX-Kameras. Was das bedeutet? Ein extrem detailreiches und immersives Filmerlebnis, für das man einfach auf die größtmögliche Leinwand schauen muss.
Der absolute Mindfuck ist jedoch der Soundtrack. Komponist Ludwig Göransson hat komplett auf ein klassisches Orchester verzichtet, da dieses zu sehr mit alten Sandalenfilmen assoziiert wird. Stattdessen wurden Bronzegongs sowie funktionstüchtige Nachbildungen von antiken Instrumenten wie dem Aulos und der Lyra mit Synthesizern verknüpft. Das Ergebnis klingt unglaublich wuchtig. Und für den Abspann-Song „When I’m Home“ holte sich das Team mal eben Travis Scott und James Blake ins Studio. Ein antikes Epos, das mit einem Travis-Scott-Track endet? Das gibt es wirklich nur hier.
Egal, ob man die Laufzeit von fast drei Stunden nun als meisterhaft empfindet oder als leicht holprig: „Die Odyssee“ ist zweifellos das riskanteste Kino-Event der letzten Monate. Ein Film, über den nach dem Verlassen des Saals definitiv noch stundenlang diskutiert wird.
Titelbild: © Universal Pictures