10 irrationale Ängste, die wir als Erwachsene heimlich immer noch haben

Wir zahlen Steuern, vereinbaren unsere eigenen Arzttermine und haben inzwischen sogar halbwegs verstanden, wie ein Induktionsherd funktioniert. Auf dem Papier sind wir erwachsen.

Und dann geht abends das Licht aus.

Plötzlich wird der Weg vom Bad ins Schlafzimmer zum Hindernislauf. Im Schwimmbad könnte etwas unter uns lauern. Und wenn das eigene Handy klingelt, ist unser erster Gedanke nicht „Oh, ein Anruf“, sondern: Wer ist gestorben?

Angststörungen sind tatsächlich weit verbreitet. Nach Daten des Robert Koch-Instituts lag die 12-Monats-Prävalenz von Angststörungen bei Erwachsenen in einer bundesweiten Erhebung bei 15,3 Prozent. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede seltsame Alltagspanik gleich eine Angststörung ist.

Daneben gibt es nämlich diese kleinen, völlig überflüssigen Alarmmeldungen des Gehirns, die eigentlich jeder kennt. Hier sind zehn davon.

1. Der Hai im städtischen Schwimmbad

Du schwimmst allein ein paar Bahnen. Das Wasser ist klar. Es gibt keine Verbindung zum Meer. Der nächste Weiße Hai befindet sich ungefähr so weit entfernt wie deine letzte Motivation, heute noch Sport zu machen.

Und trotzdem: Sobald du ins tiefe Becken schwimmst, kommt der Gedanke.

Was, wenn da unten etwas ist?

Haie gehören zu den klassischen „fearsome risks“: Seltene Ereignisse können sich besonders stark in unserem Kopf festsetzen, gerade weil Bilder aus Filmen und Medien sie so leicht vorstellbar machen.

Das Ergebnis: Wir schwimmen im Schwimmbad plötzlich so, als würde Steven Spielberg persönlich unter uns Regie führen.

2. Das Klingeln des eigenen Smartphones

Eine Nachricht? Kein Problem. Ein Emoji? Gerne. Eine Sprachnachricht von 2:37 Minuten? Grenzwertig, aber machbar.

Aber ein echter Anruf?

Das Handy klingelt und für einen kurzen Moment steht die gesamte persönliche Sicherheitsarchitektur auf dem Prüfstand. Wer ruft an? Warum? Warum schreibt die Person nicht einfach? Und warum klingt das Klingeln plötzlich so aggressiv?

Ob man das nun Telephonophobie nennt oder einfach soziale Erschöpfung: Der klassische Anruf ist für viele längst zum digitalen Überraschungsbesuch geworden.

Es gibt schließlich einen guten Grund, warum wir heute lieber schreiben: Man kann in Ruhe überlegen, ob man „Haha“ wirklich lustig findet.

3. Die unsichtbare Kaufhaus-Polizei

Du hast nichts gestohlen. Du hast sogar bezahlt. Den Kassenbon hast du noch in der Tasche.

Und trotzdem verändert sich dein Gang, sobald du die Sicherheitsschranken am Ausgang erreichst.

Plötzlich bewegst du dich auffällig unauffällig. Die Hände bleiben sichtbar. Der Blick geht demonstrativ geradeaus. Bloß nicht hektisch werden.

Und dann passiert es: Pieps.

In deinem Kopf läuft bereits der Abspann deiner Karriere als gesetzestreuer Bürger.

4. Der Fuß, der nicht über die Bettkante darf

Wir wissen, dass Monster nicht unter dem Bett wohnen.

Wir wissen es wirklich.

Trotzdem gibt es nachts eine eiserne Regel: Kein Körperteil darf länger als unbedingt nötig außerhalb der Decke bleiben.

Besonders gefährlich ist der Weg vom Lichtschalter zurück ins Bett. Hier gilt: nicht gehen. Nicht schlendern. Sprinten.

Denn genau in diesem Moment könnte irgendetwas aus der Dunkelheit nach deinem Knöchel greifen.

Die Bettdecke ist zwar objektiv ein dünnes Stück Stoff. Subjektiv ist sie ein militärisches Schutzsystem.

5. Lachende Teenager

Du läufst in deinem besten Outfit an einer Gruppe Jugendlicher vorbei. Einer lacht.

Das reicht.

Innerhalb von drei Sekunden wird aus einem völlig normalen Lachen ein persönliches Urteil über deine Schuhe, deine Frisur, deine Körperhaltung und wahrscheinlich deine gesamte Existenz.

Die Angst davor, ausgelacht zu werden, ist tatsächlich Gegenstand psychologischer Forschung und wird als Gelotophobie bezeichnet. Dabei geht es um die individuelle Neigung, sich davor zu fürchten, zum Gegenstand des Lachens anderer zu werden.

Die Jugendlichen haben in Wirklichkeit vielleicht gerade über ein TikTok-Video gelacht. Aber das Gehirn hat bereits einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.

6. Die „Allen antworten“-Apokalypse

Es gibt wenige digitale Schaltflächen, die so viel Macht besitzen wie „Allen antworten“.

Eine Sekunde Unachtsamkeit – und aus einer privaten Bemerkung wird eine Nachricht an 74 Kolleg:innen, die Geschäftsführung und einen Menschen, dessen Funktion im Unternehmen niemand genau kennt.

Besonders gefährlich: Du wolltest eigentlich nur schreiben: „Was für ein Quatsch.“

Jetzt steht da: „Was für ein Quatsch, liebe Kolleginnen und Kollegen.“

Gesendet.

Karriere vorbei.

7. Gullydeckel und andere urbane Abgründe

Ein Gullydeckel liegt auf der Straße. Schweres Metall, stabil gebaut, von Autos überfahren.

Du gehst trotzdem einen kleinen Bogen darum.

Bei Lüftungsgittern wird es noch schlimmer: Je tiefer man in die Öffnung schauen kann, desto stärker sagt alles im Kopf: Da bitte nicht draufsteigen.

Und ganz ehrlich: Ein bisschen Vorsicht ist hier sogar sinnvoll. Beschädigte oder ungeeignete Abdeckungen können tatsächlich ein Sicherheitsrisiko darstellen.

Das erklärt allerdings nicht, warum wir um einen völlig intakten Gully herumtanzen, als wäre darunter das Erdinnere.

8. „Was, wenn ich gerade auf der falschen Seite fahre?“

Späte Stunde. Leere Straße. Alles läuft völlig normal.

Und plötzlich taucht der Gedanke auf:

Was, wenn ich gerade Geisterfahrer bin?

Du überprüfst die Fahrbahnmarkierung. Dann die anderen Autos. Dann noch einmal die Fahrbahnmarkierung.

Alles stimmt.

Du fährst weiter.

Fünf Minuten später kommt der Gedanke wieder.

Diese Art von Angst ist nicht völlig irrational – schließlich wäre ein Geisterfahrer-Szenario tatsächlich gefährlich. Irrational ist eher, wie zuverlässig das Gehirn bei vollkommen normalen Bedingungen plötzlich ein Worst-Case-Szenario aus dem Nichts produziert.

9. Der tödliche Kaugummi

Eine der hartnäckigsten Kindheitsmythen hat erstaunlich lange überlebt: Verschluckter Kaugummi bleibt sieben Jahre im Magen.

Tut er nicht.

Der Körper kann Kaugummi zwar nicht verdauen, transportiert ihn aber normalerweise einfach durch den Verdauungstrakt wieder nach draußen. Die berühmten sieben Jahre sind vor allem Folklore.

Trotzdem sitzt die Warnung bei vielen noch irgendwo im Hinterkopf.

Und beim verschluckten Apfelkern wird aus einem kleinen Snack gedanklich noch immer gern ein botanisches Experiment: In drei Wochen kommt ein Baum.

10. Ein Symptom googeln und plötzlich dem Tod begegnen

Es beginnt harmlos.

„Warum tut mein Kopf seit heute Morgen ein bisschen weh?“

Ein paar Suchbegriffe später weißt du, dass Kopfschmerzen unter anderem von Stress, Schlafmangel, Flüssigkeitsmangel – und natürlich einer Krankheit kommen können, von der du vorher noch nie gehört hast.

Das Phänomen hat sogar einen Namen: Cyberchondrie. Gemeint ist nicht jede Suche nach Gesundheitsinformationen, sondern vor allem übermäßiges oder wiederholtes Suchen, das mit gesundheitlicher Angst verbunden ist und diese unter Umständen noch verstärkt.

Aus „Ich habe Kopfschmerzen“ wird so innerhalb von zehn Minuten „Ich brauche wahrscheinlich ein Testament“.

Fazit: Erwachsen sein heißt offenbar nur, besser zu funktionieren

Wir zahlen Miete, schließen Versicherungen ab, beantworten E-Mails und wissen, wann die nächste Steuererklärung fällig ist.

Aber irgendwo in uns sitzt weiterhin die Person, die nachts nicht auf die dunkle Seite des Flurs schauen möchte.

Die beim Anruf sofort mit einer Katastrophe rechnet. Die im Schwimmbad lieber nicht nach unten schaut. Und die überzeugt ist, dass eine Bettdecke im Notfall ungefähr dieselbe Schutzwirkung wie ein Panzerschrank hat.

Vielleicht ist Erwachsensein deshalb gar nicht, keine irrationalen Ängste mehr zu haben.

Vielleicht bedeutet es nur, sie professioneller zu überspielen.

Foto von Andrea Piacquadio: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-grauen-tragershirt-3812725/