Warum sich junge Erwachsene inzwischen so einsam fühlen wie ihre Großeltern
Kennst du das, wenn du von außen ein volles Leben führst – Studium, Freundeskreis, Social Media voller Aktivität – und dich trotzdem manchmal fühlst, als würde dich gerade niemand wirklich sehen? Damit bist du laut aktuellen Zahlen nicht annähernd allein, auch wenn es sich in dem Moment genau so anfühlt.
Was die aktuellen Studien zeigen
Eine britische Studie des Thinktanks IPPR kommt zu einem auffälligen Befund: Junge Menschen in England haben heute fünfmal häufiger keine engen Freund*innen als noch vor zehn Jahren. Eine von zwanzig jungen Personen gilt inzwischen als komplett ohne enge Freundschaften.
In Deutschland zeichnet das Einsamkeitsbarometer ein ähnliches Bild. Bei den 21- bis 30-Jährigen berichtet mehr als jede fünfte Person von starker Einsamkeit. Insgesamt fühlt sich in dieser Altersgruppe deutlich mehr als jede dritte Person zumindest zeitweise einsam – spürbar mehr als bei den 31- bis 54-Jährigen. Damit liegen junge Erwachsene bei diesem Thema inzwischen näher an den Werten sehr alter Menschen als an denen der eigenen Elterngeneration.
Wer besonders betroffen ist – und warum
Auffällig ist ein klarer Gender-Unterschied: Frauen berichten in den bisherigen Erhebungswellen durchgehend häufiger von Einsamkeit als Männer (zuletzt etwa 36 zu 32 Prozent). Die Forscher*innen nennen als Risikofaktoren vor allem unsichere Lebensverhältnisse, soziale Unsicherheit und diffuse Zukunftsängste. Stabile Partnerschaften, tragfähige soziale Netzwerke und ein höherer Bildungsabschluss wirken hingegen eher schützend.
Besonders bemerkenswert: Anders als oft angenommen, ist das kein reiner Nachwehen-Effekt der Pandemie. Die Werte sind seit 2022 kaum gesunken. Forscher*innen sehen darin eher ein strukturelles Problem. Das junge Erwachsenenalter ist ohnehin eine Phase voller Übergänge und Identitätssuche. Kommen dazu noch multiple Krisen, unsichere Jobperspektiven und ein Alltag, der stark über Bildschirme läuft, verstärkt sich das Gefühl von Isolation zusätzlich. Ein Muster, das auch der Text zu digitaler Einsamkeit beschreibt.
Was das nicht heißt
Wichtig ist dabei: Diese Zahlen beschreiben ein gesellschaftliches Phänomen, keine individuelle Diagnose. Wenn du dich gerade einsam fühlst, heißt das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt oder dass du etwas falsch machst. Du bist vielmehr Teil einer sehr großen Gruppe, die mit ähnlichen strukturellen Bedingungen zu kämpfen hat.
Gleichzeitig wäre es genauso falsch, das Gefühl zu romantisieren oder als eine Art normale Generationserfahrung abzutun, die man einfach aussitzen muss. Beides kann dazu führen, dass eine echte Belastung zu lange unbeachtet bleibt. Oft hilft es schon, den Unterschied zwischen bewusst gewähltem Alleinsein und belastender Einsamkeit für sich zu klären.
Was helfen kann
Die Forschung nennt vor allem zwei Hebel, die tatsächlich etwas bewirken: echte, verlässliche soziale Kontakte statt reinem Online-Austausch sowie das bewusste Eingehen auf eigene Übergangsphasen (etwa nach einem Umzug in eine neue Stadt oder nach dem Studienabschluss), statt diese einfach nur durchzustehen.
Falls sich Einsamkeit bei dir über längere Zeit sehr belastend anfühlt, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein guter Moment, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das geht beispielsweise über deine Hausarztpraxis, eine Beratungsstelle an deiner Hochschule oder in akuten Krisen kostenlos und anonym bei der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
Foto von Onur Can Elma: https://www.pexels.com/de-de/foto/einsame-gestalt-an-der-istanbuler-uferpromenade-39566304/
