Friedrich Merz (2024) ID-0693 · Foto: Michael Lucan · CC BY-SA 3.0 DE

Der Boomer-Endgegner: Warum Friedrich Merz bei der Gen Z den ultimativen Cringe-Faktor auslöst

Bild: Friedrich Merz (2024) ID-0693 · Foto: Michael Lucan · CC BY-SA 3.0 DE

Friedrich Merz verkörpert ein bisschen den Onkel, der an Heiligabend ungefragt erklärt, warum die Jugend von heute verweichlicht ist – nur eben mit Kanzlerambitionen und im maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug. Wer verstehen will, warum der CDU-Chef bei vielen jungen Menschen eher als Meme-Vorlage denn als Symbol für die Zukunft funktioniert, muss nicht jeden Parteitag analysieren. Ein Blick auf den Clash zweier ziemlich unterschiedlicher Welten reicht.

Denn das Problem ist nicht allein, dass Merz 70 Jahre alt ist. Das Problem ist die Welt, für die er politisch steht: eine Welt, in der Aufstieg vor allem eine Frage von Leistung ist, Arbeit möglichst viel Platz im Leben einnehmen soll und gesellschaftliche Veränderungen gerne erst einmal als Zumutung betrachtet werden. Für eine Generation, die mit Klimakrise, explodierenden Mieten und einem ziemlich unsicheren Blick auf die eigene Zukunft aufgewachsen ist, wirkt das mitunter wie eine Zeitreise.

Die Sache mit der „gehobenen Mittelschicht“

Kaum etwas hat Merz‘ Verhältnis zur Lebensrealität vieler Menschen so ikonisch gemacht wie seine Selbsteinordnung in die „gehobene Mittelschicht“. Dass ausgerechnet ein Politiker mit Millionenvermögen und Privatflugzeug sich dort verortet, hat nicht nur für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Für Menschen, die sich fragen, ob ein WG-Zimmer für 750 Euro warm noch als Schnäppchen durchgeht oder ob ein Eigenheim irgendwann mehr sein wird als ein Pinterest-Board, klingt das wie Realsatire aus einem Paralleluniversum.

Natürlich kann man über Vermögen, Leistung und die Mittelschicht diskutieren. Aber genau hier liegt Merz‘ kommunikatives Problem: Wenn jemand über finanzielle Freiheit spricht, während ein großer Teil der jungen Generation erst einmal herausfinden muss, wie sie sich finanzielle Unabhängigkeit überhaupt leisten soll, entsteht eine ziemlich tiefe Fallhöhe.

Merz spricht über Wirtschaft mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, für den Vermögensaufbau offenbar eher ein lösbares Problem als ein gesellschaftliches Privileg ist. Für viele junge Menschen ist die Rechnung dagegen eine andere: steigende Mieten, hohe Lebenshaltungskosten, unsichere Arbeitsverhältnisse und die Erkenntnis, dass man trotz Ausbildung und Vollzeitjob nicht automatisch näher an Eigentum oder Wohlstand heranrückt.

Allergisch gegen Work-Life-Balance

Auch beim Thema Arbeit prallen die Welten aufeinander. Merz‘ Forderungen nach mehr Leistung und einer höheren Wochenarbeitszeit treffen auf eine Generation, die sich zunehmend fragt, warum ein erfülltes Leben eigentlich erst nach Feierabend beginnen soll.

Das heißt nicht, dass die Gen Z kollektiv beschlossen hätte, nie wieder zu arbeiten. Im Gegenteil. Sie will arbeiten – aber eben nicht unbedingt so, wie es frühere Generationen für selbstverständlich hielten. Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und eine vernünftige Work-Life-Balance sind für viele keine Synonyme für Faulheit, sondern für eine andere Vorstellung davon, was ein guter Arbeitsplatz leisten sollte.

Wenn dann ausgerechnet von der politischen Spitze der Eindruck vermittelt wird, Deutschland müsse sich vor allem wieder „mehr anstrengen“, kann das bei einer Generation, die bereits mit multiplen Krisen aufgewachsen ist, eher Augenrollen als Aufbruchsstimmung auslösen. Die Botschaft „Zähne zusammenbeißen und durch“ klingt schließlich nur dann motivierend, wenn man daran glaubt, dass am Ende tatsächlich etwas Besseres wartet.

Kulturkampf statt Zukunftsangst

Besonders deutlich wird der Generationenkonflikt dort, wo Merz gesellschaftspolitisch auftritt. Gendern, Cannabis, Migration, vermeintliche „kleine Paschas“ oder die Frage, wie sich Menschen im Alltag ausdrücken – bei solchen Themen landet die Debatte schnell bei Symbolen und Empörung.

Das Problem daran: Für junge Menschen verschwinden die großen Probleme nicht, nur weil man über sie nicht spricht. Eine provokante Aussage zur Gendersprache senkt keine Miete. Ein Kulturkampf gegen Cannabis löst keine Zukunftsangst. Und ein Appell an mehr Leistungsbereitschaft baut noch lange keine bezahlbaren Wohnungen.

Natürlich darf Politik über gesellschaftliche Werte streiten. Sie sollte es sogar. Aber wer vor allem über das diskutiert, was junge Menschen angeblich falsch machen, läuft Gefahr, die Frage zu übersehen, die sie tatsächlich beschäftigt: Wie soll unser Leben in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren aussehen?

Und dann ist da noch das Internet

Merz‘ Verhältnis zum digitalen Zeitgeist ist ein eigenes Kapitel. Wenn Politiker versuchen, junge Menschen über Social Media zu erreichen, kann das funktionieren. Es kann aber auch aussehen, als hätte jemand aus der Parteizentrale den Auftrag bekommen, „mal etwas mit TikTok“ zu machen.

Das Problem ist dabei nicht, dass ein Politiker nicht den Slang der 20-Jährigen beherrscht. Niemand erwartet vom Bundeskanzler, dass er plötzlich „slay“ sagt und damit seine politische Karriere aufs Spiel setzt. Authentizität entsteht schließlich nicht dadurch, dass ein 70-Jähriger versucht, wie ein 20-Jähriger zu reden.

Sie entsteht dadurch, dass junge Menschen das Gefühl bekommen, ihre Lebensrealität werde tatsächlich verstanden.

Das eigentliche Problem ist nicht sein Alter

Vielleicht ist Friedrich Merz deshalb für viele junge Menschen weniger wegen seines Alters schwierig als wegen dessen, wofür er politisch steht. Er verkörpert ein Leistungsversprechen, das früher einmal ziemlich attraktiv klang: Arbeite hart, sei diszipliniert, verdiene gutes Geld – und irgendwann gehört dir ein Stück vom Kuchen.

Nur sieht die Welt heute ein bisschen anders aus. Wer Anfang 20 oder 30 ist, erlebt Klimakrise, Wohnungsmangel, geopolitische Unsicherheit und einen Arbeitsmarkt, auf dem ein guter Abschluss längst keine Garantie mehr für ein sorgenfreies Leben ist. Da wirkt die Erzählung vom individuellen Aufstieg durch bloße Anstrengung irgendwann wie ein ziemlich schlechter Motivationsspruch.

Merz muss deshalb nicht zum Feindbild der Gen Z erklärt werden. Und natürlich besteht die Gen Z nicht aus einem homogenen Block, der geschlossen gegen die CDU stimmt. Aber der politische Abstand zwischen Merz‘ Weltbild und den Erwartungen vieler junger Menschen ist bemerkenswert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der CDU-Chef im Netz so leicht zur Meme-Figur wird. Nicht, weil junge Menschen Politik grundsätzlich nicht ernst nehmen. Sondern weil Memes eine ziemlich effektive Methode sind, mit einem Politiker umzugehen, dessen politische Sprache vielen wie ein Relikt aus einer anderen Zeit vorkommt.

Friedrich Merz verspricht keine Revolution. Er verspricht Normalität, Leistung und Ordnung. Das klingt zunächst harmlos. Nur stellt sich für eine Generation, die eine ziemlich unnormale Welt geerbt hat, die Frage: Welche Normalität meint er eigentlich?

Denn für die Gen Z reicht es nicht mehr zu hören, dass sie sich einfach ein bisschen mehr anstrengen soll. Sie will wissen, wofür.

Friedrich Merz (2024) ID-0693 · Foto: Michael Lucan · CC BY-SA 3.0 DE