Warum das WG-Leben nicht für jede*n etwas ist

Junge Menschen sitzen auf dem Boden und essen Pizza

Als ich vor einem knappen Jahr von Zuhause aus- und in meine erste WG eingezogen bin, war ich der Ansicht, mir stünde die beste Zeit meines Lebens bevor. Endlich raus aus dem Hotel Mama, auf eigenen Beinen stehen und gemeinsam mit anderen jungen Menschen Küche, Bad und Wohnzimmer teilen – das war genau das, was ich wollte. Leider wurden meine hohen Erwartungen nicht erfüllt.

Wohngemeinschaften waren für mich schon immer verknüpft mit Partys, gemeinsamen Kochabenden, neuen Freundschaften und jeder Menge guter Laune. Das lag nicht etwa daran, dass ich mir zu viele klischeehafte Filme reingezogen hatte, sondern vielmehr an den Erfahrungen meines persönlichen Umfelds. Mir war bewusst, dass jede Form des Wohnens seine Nachteile hatte – auch das Leben in einer WG. Dennoch überwiegte in den Erzählungen meiner Freund*innen stets das Positive. Ja, ab und an mussten sie ihren Mitbewohner*innen hinterherputzen, sie an ihre Pflichten erinnern oder spät abends an der Zimmertür klopfen, weil der germütliche Abend mit den Kumpels doch etwas zu laut geworden war. Doch im Gegenzug dazu hatten sie immer jemanden, mit dem sie sich bei einem Gläschen Wein über den stressigen Unialltag auslassen konnten oder der sie auf einen Einkauf in den nächsten Supermarkt begleitete. Und wenn man jemanden tatsächlich nicht leiden konnte, war es scheinbar auch nicht gerade schwer, ihm oder ihr einfach aus dem Weg zu gehen. Für mich als Außenstehende schien das alles ziemlich harmonisch – auch dann, wenn ich in diesen WGs zu Besuch war.

Somit stand auch für mich schnell fest, dass ich meine erste eigene Wohnung gerne mit anderen teilen würde. Ich hatte das Glück, mir meine Mitbewohner*innen selbst aussuchen zu dürfen, weil unser Vermieter eine Neugründung plante und ich die erste war, die einziehen konnte. Diesen Luxus ließ ich mir natürlich nicht entgehen: So veranstaltete ich mein eigenes WG-Casting und entschied mich am Ende für zwei Mädels, die mir während des halbstündigen Gesprächs recht sympathisch vorgekommen waren. Tatsächlich hatte ich mit ihnen keine schlechte Wahl getroffen: Wir verstehen uns gut, und auch wenn wir teilweise nicht auf einer Wellenlänge sind, kommen wir miteinander zurecht. Dieser Text ist also keine Hassrede auf Horror-Mitbewohner*innen, die einem das WG-Leben mit ihren seltsamen Eigenarten zunichte gemacht haben. Vielmehr merkte ich schon nach einigen Wochen, dass ich für diese Form des Zusammenlebens vielleicht einfach nicht gemacht war. Mich verunsicherte es, morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, ob man gleich im Flur jemandem begegnen würde, ich hasste es – besonders zu Corona-Zeiten – nach Hause zu kommen und das Wohnzimmer voller fremder Menschen zu haben. Es machte mir alles andere als Spaß, regelmäßig unsere Spüle vom dreckigen Geschirr meiner Mitbewohnerinnen zu befreien oder inständig zu hoffen, dass auch mal jemand anderes auf die Idee kommen würde, den Biomüll runterzubringen. Das alles sind typische WG-Probleme, die ich hinter meiner rosaroten Brille vorher nicht wirklich wahrgenommen hatte. Die wenigsten Wohngemeinschaften sind tatsächlich so perfekt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag – hinter den Kulissen sieht es oft ganz anders aus. Offenbar schienen meine Freund*innen damit aber besser umgehen zu können als ich.