Von „Dufte“ bis „Aura“: Warum die Jugendsprache heute ein komplett anderer Film ist als vor 60 Jahren
Jede Generation hat ihren eigenen Code, den die Eltern im besten Fall nicht verstehen und im schlimmsten Fall maximal peinlich finden. Wenn man am Esstisch Wörter wie „NPC“, „Aura“ oder „delulu“ droppt, erntet man oft nur komplett verlorene Blicke. Aber wer denkt, unsere Ausdrucksweise sei completely out of touch, sollte mal 50 bis 60 Jahre zurückschauen. Die Boomer hatten in ihrer Jugend nämlich ihren ganz eigenen, ziemlich wilden Film am Laufen.
Astrein und Knorke: Der Vibe der 60er und 70er
Springen wir zurück in die Zeit zwischen 1960 und 1975. TikTok gab es nicht, Trends verbreiteten sich auf dem Schulhof, in der Kneipe oder im Jugendzentrum. Wenn damals etwas richtig gut war, war es nicht „wild“ oder „slay“, sondern „astrein“, „dufte“, „schnieke“ oder „knorke“. Jemand, der heute ein absoluter „Macher“ ist, war damals einfach ein „steiler Zahn“ oder ein „Pfundskerl“.
Und wenn man sich verabschiedet hat? Dann hieß es gern mal „Tschüssikowski“ oder „San Frantschüssko“. Das klingt heute wie absolute Cringe-Comedy aus einer schlechten Vorabendserie, war damals aber der Inbegriff von Rebellion. Nach dem Krieg war die Gesellschaft extrem spießig und konservativ. Die Jugend wollte provozieren und sich von den strengen Regeln der Elterngeneration abkapseln – und das funktionierte am besten über Sprache, die für Erwachsene einfach respektlos oder absurd klang.
Der Wendepunkt: MTV, Bravo und das Wort „Geil“
In den 80ern und frühen 90ern kam dann der erste große Shift. Die Popkultur wurde lauter. Plötzlich gab es Musikfernsehen und Jugendmagazine wie die Bravo, die den Slang bundesweit prägten. Wörter wie „geil“ oder „krass“ schlichen sich ein. Was heute absolute Standardbegriffe sind, für die sich niemand mehr umdreht, war damals ein echter Skandal. Eltern und Lehrer liefen Sturm gegen das Wort „geil“, weil es eigentlich sexuell konnotiert war. Heute ist das Konzept von „geil“ so normal, dass es selbst in Supermarkt-Werbungen benutzt wird. GIG – wie geil ist das denn!?
Internet-Slang vs. Schulhof-Geflüster
Der größte Unterschied zwischen dem Slang von heute und dem vor 60 Jahren ist aber die Geschwindigkeit und die Herkunft. Damals entstand Jugendsprache extrem lokal. Man hat sich Begriffe aus dem Alltag gegriffen, sie umgedichtet oder Dialekte vermischt. Ein Jugendlicher in Berlin sprach einen komplett anderen Slang als jemand in München.
Heute ist unser Vokabular durchs Smartphone komplett globalisiert. Wenn auf der anderen Seite der Welt ein neuer Trend auf TikTok viral geht, droppen wir drei Tage später exakt die gleichen Wörter. Begriffe wie „NPC“ (Non-Player Character), „Aura-Punkte“ oder „JRizz“ kommen direkt aus der Gaming-, Meme- und Internetkultur. Wir bedienen uns fast ausschließlich am Englischen oder an AAVE (African American Vernacular English), was für die Generation „Dufte“ oft wie eine komplett fremde Sprache klingt.
Ironie als Dauerzustand
Noch etwas trennt uns von den Jugendlichen der 60er: unsere ständige Meta-Ebene. Viele Wörter nutzen wir heute extrem ironisch. Wir nennen Dinge „goofy“ oder übernehmen absichtlich Trash-Begriffe, bis wir sie irgendwann unironisch in unseren aktiven Wortschatz aufnehmen. Früher war Slang oft viel direkter und wörtlicher gemeint.
Am Ende bleibt das Prinzip gleich
Egal ob man damals als „Halbstarker“ oder „Gammler“ betitelt wurde oder sich heute über „Talahons“ aufregt – das Grundprinzip bleibt exakt dasselbe. Jugendsprache war schon immer ein akustischer Türsteher: Wir hier drinnen, ihr Erwachsenen draußen. Wenn wir in 50 Jahren unsere eigenen Enkel belauschen, werden wir wahrscheinlich genauso wenig checken wie unsere Großeltern heute bei uns. Und das ist eigentlich auch ziemlich astrein so.
Foto von Jvxhn Visuals: https://www.pexels.com/de-de/foto/fashion-mode-freunde-sitzung-12721238/