Nostalgie: Warum wir uns nicht in der Vergangenheit verlieren sollten

Eine Frau schaut nachdenklich in einen Spiegel

Wenn ich abends im Bett liege und versuche, endlich in den Schlaf zu kommen, erwische ich mich immer wieder dabei, wie meine Gedanken in die Vergangenheit abdriften. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, die ersten Partys, den ersten Kuss – Dinge, die heute endlos weit entfernt scheinen. Wie unbeschwert man damals doch war, wie viel zufriedener mit sich selbst und seinen Entscheidungen. Man hatte Interessen, für die man brannte, Freund*innen, die alles über einen wussten und eine tägliche Beschäftigung, die nicht in erster Linie mit Stress und Selbstkritik verbunden war. Zugegeben: Im Vergleich zu damals kommt mir mein Leben heute ziemlich beschissen vor. Die Corona-Pandemie scheint das Ganze nur noch weiter zu verstärken.

Nostalgie – das ist ein Gefühl, welches ich lange Zeit mit alten Menschen verknüpft habe. Mit einer Oma, die im Schaukelstuhl sitzt, während ihre Enkel aufs Handy starren, und sich denkt, dass früher ja einfach alles besser war. Aber nostalgische Gedanken hat so gut wie jede*r von uns – mich eingeschlossen. Schließlich bin ich noch keine 20 Jahre alt, und dennoch existiert auch in meinem Kopf schon etwas, was ich als die „guten alten Zeiten“ bezeichnen würde.

Aber war vor fünf Jahren wirklich alles einfacher? Nein, auf keinen Fall. Auch damals hatte man Streit, mit sich selbst und mit anderen, man war entmutigt, traurig oder verletzt. Auch damals gab es Phasen, in denen man daran gezweifelt hat, ob man das Richtige tut, und Tage, die rückblickend ziemlich enttäuschend waren. Die Zeit des Erwachsenwerdens war für mich alles andere als leicht – wenn ich mich daran erinnere, scheinen all die negativen Erfahrungen jedoch wie weggeblasen. Es fühlt sich an, als würde man sein eigenes Leben durch eine rosarote Brille betrachten, die die schlechten Erfahrungen ganz einfach herausfiltert.

Nostalgische Erinnerungen sind wichtig, denn sie sorgen dafür, dass wir uns geborgen und glücklich fühlen. Allerdings sollten sie dafür auch positiv behaftet sein: Wer die damalige Zeit dauerhaft mit der aktuellen vergleicht, fühlt sich schnell verloren und einsam. Die emotionale Sehnsucht darf nicht zu groß werden. Hat man dennoch häufig mit Wehmut zu kämpfen, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass man sich im Kontext der Nostalgie sehr häufig nur an die schönen Aspekte der entsprechenden Zeit erinnert. Unser Gehirn spielt uns also einen Trick und lässt uns so glauben, dass früher tatsächlich alles besser war.

Anstatt uns in der Vergangenheit zu verlieren und früheren Tagen nachzutrauern, sollten wir alle viel mehr im Hier und Jetzt leben. Denn jetzt sind die guten alten Zeiten, an die wir uns später erinnern werden – auch wenn dieser Spruch ziemlich abgelutscht klingt, ist an ihm doch etwas Wahres dran.

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Bildquelle: Pexels; CCO-Lizenz

Aufgewachsen im Münsterland, zwischen Bauernschaften, Fahrrädern und Dorfpartys. Schreibt seit dem Kindergartenalter, von Kurzgeschichten bis hin zu News-Artikeln, liebt Musik, Sonne, gutes Essen und Gespräche über Gott und die Welt.