Warum Männer häufiger kommen als Frauen: Was eine neue Studie über Sex in langen Beziehungen verrät
Man könnte meinen, Alter, Bildung oder Beschäftigung erklärten, warum Männer in Studien häufiger von Orgasmen berichten als Frauen. Eine italienische Studie mit 579 Erwachsenen in stabilen Beziehungen, über die PsyPost am 5. Oktober berichtet hat, kommt zu einem anderen Ergebnis.
Was die Studie untersucht hat
Cristina Civilotti und ihr Team haben für „Sexuality & Culture“ 579 heterosexuelle cisgeschlechtliche Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren in Italien befragt, alle in stabilen Beziehungen, überwiegend seit mehr als zehn Jahren. Rekrutiert wurde über Zentren der Italienischen Föderation für Wissenschaftliche Sexologie und online. Die Orgasmushäufigkeit mit dem*der Partner*in wurde mit einer einzigen Frage auf einer fünfstufigen Skala von „fast immer“ bis „nie“ erfasst, dazu kamen Fragebögen zur Beziehungsqualität (eine Kurzversion der Dyadic Adjustment Scale) sowie zu sexuellen Einstellungen und Verhalten (der Sexual Activity Questionnaire).
Was herauskam
Männer berichteten häufiger von Orgasmen als Frauen: Der Durchschnitt der Männer lag nahe bei „fast immer“, der der Frauen nahe bei „meist“. Alter, Bildung, Erwerbsstatus, Elternschaft und Beziehungsstatus erklärten den Unterschied nicht. Bei beiden Geschlechtern ging eine höhere Orgasmushäufigkeit mit leichterer Erregbarkeit, vielfältigeren sexuellen Aktivitäten und häufigerem Verlangen einher, außerdem mit einer besseren Beziehungsqualität. Bei der Beziehungsqualität geht es um Übereinstimmung mit dem*der Partner*in, gemeinsame Zeit und Zufriedenheit. Die Zusammenhänge damit waren bei Frauen etwas stärker, der Geschlechterunterschied war laut den Tests der Studie aber nicht signifikant. Deutlicher fallen die Unterschiede laut PsyPost bei der sexuellen Zufriedenheit und bei bestimmten Praktiken aus.
Bei Frauen hingen häufigere Orgasmen moderat mit sexueller Zufriedenheit, Erregbarkeit und zärtlichen Berührungen zusammen, außerdem mit Oralsex und dem Teilen sexueller Fantasien. Bei Männern waren diese Zusammenhänge schwach oder fehlten, dort zeigten sich Zusammenhänge mit Analsex, Sextoys und erotischen Medien. Die Autor*innen deuten das als Hinweis auf sexuelle Neuheit und Stimulation, die Richtung der Korrelationen passt laut PsyPost aber nicht zu dieser Deutung.
Was die Studie nicht klärt
Es ist eine Querschnittsstudie: Sie zeigt Zusammenhänge, aber nicht, ob bessere Beziehungen zu mehr Orgasmen führen oder umgekehrt. Alles beruht auf Selbstauskünften, und die Orgasmushäufigkeit wurde mit nur einer Frage erhoben. Die Rekrutierung über Sexologie-Zentren zieht vermutlich Menschen an, die offen über Sex sprechen, und die Stichprobe ist überwiegend mittelalt, hoch gebildet und langjährig liiert. Eingeschlossen waren nur heterosexuelle cisgeschlechtliche Personen in Italien, die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Paare oder Länder übertragen.
Die Schlussfolgerung der Autor*innen zu Beziehungen geht laut PsyPost außerdem über die Daten hinaus, weil beim Zusammenhang mit der Beziehungsqualität kein signifikanter Geschlechterunterschied gefunden wurde. Warum der Unterschied bei der Orgasmushäufigkeit besteht, kann die Studie nicht beantworten.
Wie du die Zahlen lesen kannst
Ein Unterschied in Durchschnittswerten sagt nichts darüber, wie es in einer einzelnen Beziehung ist. Orgasmushäufigkeit ist nur ein Maß unter mehreren, die Studie hat auch Zufriedenheit und Beziehungsqualität erfasst. Dass bei Frauen das Teilen sexueller Fantasien mit häufigeren Orgasmen zusammenhängt, ist ein Zusammenhang und kein Rezept. Auch eine Lücke bei der Häufigkeit sagt nichts über die Qualität des Erlebens: Die Studie fragt, wie oft, und nicht, wie sich Sex für die Beteiligten anfühlt. Gespräche über Wünsche setzen in jedem Fall Freiwilligkeit voraus: Niemand muss Fantasien teilen, und Zustimmung gilt für jede Handlung neu.
Foto von Olga Solo: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-paar-liebe-love-10712213/
