Trauma in der Kindheit: WHO-Bericht liefert neue Zahlen für Europa
Wie viele junge Erwachsene hatten eine Kindheit, in der etwas Belastendes passiert ist? Eine neue Erhebung des WHO-Regionalbüros für Europa liefert dafür erstmals vergleichbare Zahlen aus 29 Ländern – und die Ergebnisse sind eindrücklich.
Was die Erhebung ist
Die WHO Europa hat den Bericht „Adverse childhood experiences in the European Union, Iceland and Norway: characteristics, consequences and costs“ veröffentlicht. Befragt wurden 26.741 junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren aus den EU-Staaten, Island und Norwegen; die Befragung lief von November 2025 bis Januar 2026 under der wissenschaftlichen Leitung von Mark Bellis (Liverpool John Moores University). Es ist laut Bericht die erste harmonisierte Erhebung dieser Art in mehreren Ländern für diese Altersgruppe.
Eine Einschränkung gleich vorweg: Die Stichprobe ist laut Bericht nicht als repräsentativ für die nationalen Einzelwerte der jeweiligen Länder zu verstehen. Zahlen speziell für Deutschland nennt die Erhebung nicht.
Was als belastende Kindheitserfahrung zählt
Erfasst wurden neun Formen, im Fachbegriff „Adverse Childhood Experiences“ (ACE). Dazu gehören körperliche, emotionale und sexuelle Gewalt, körperliche Vernachlässigung, Suchtprobleme im Haushalt, psychische Erkrankungen in der Familie, die Trennung von Eltern oder der Tod eines Elternteils, das Miterleben häuslicher Gewalt sowie die Inhaftierung eines Haushaltsmitglieds. Wie etwa elterliche Suchterkrankungen Kinder langfristig belasten können, haben wir an anderer Stelle beschrieben.
Am häufigsten genannt wurde die Trennung von Eltern oder der Tod eines Elternteils (39,2 Prozent). Das ordnet die große Gesamtzahl ein: Unter „belastend“ fällt hier mehr als Gewalt – auch Erfahrungen, die viele Familien betreffen.
Die Zahlen im Detail
68,9 Prozent der Befragten berichteten von mindestens einer solchen Erfahrung – der Bericht fasst das als „mehr als zwei Drittel“ zusammen. 22,8 Prozent nannten vier oder mehr. Hier lohnt der Blick auf die Bezugsgröße: Euronews schreibt von „mehr als jede*r Fünfte“, Il Sole 24 Ore nennt „fast 30 Prozent“, bezieht das aber nur auf die Gruppe der Befragten mit mindestens einer belastenden Erfahrung. Der WHO-Bericht selbst nennt 22,8 Prozent aller Befragten, daran orientiert sich dieser Text.
Dazu kommt ein deutlicher Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit: Von den Befragten mit vier oder mehr belastenden Erfahrungen gaben 76,3 Prozent an, im letzten Jahr professionelle Unterstützung für die psychische Gesundheit gebraucht zu haben. Bei denen ohne solche Erfahrungen waren es 36,7 Prozent. Je mehr belastende Erfahrungen vorliegen, desto häufiger gehen laut Bericht auch schlechtere psychische und körperliche Gesundheit, niedrigere Bildung und geringeres Einkommen damit einher.
Was die Zahlen nicht sagen
Diese Zahlen beschreiben statistische Gruppen, nicht einzelne Menschen. Aus ihnen folgt keineswegs, dass eine belastende Kindheit zwangsläufig zu Problemen im Erwachsenenalter führt, und sie sagen nichts darüber aus, wie es dir persönlich geht. Der Bericht betont, dass Resilienz – besonders unterstützende Beziehungen zu Erwachsenen – die Folgen abmildern kann. Dieser Text kann und will dir keine Einschätzung zu deiner eigenen Geschichte geben.
Was die WHO empfiehlt
Die Autor*innen fordern, belastende Kindheitserfahrungen an der Wurzel anzugehen – etwa durch Bekämpfung von Armut, sozialer Ausgrenzung und Gewalt im Umfeld. Außerdem sollen Resilienz über unterstützende Beziehungen gestärkt und öffentliche Dienste traumasensibel aufgestellt werden. Natasha Azzopardi-Muscat von der WHO Europa betont, dass es dafür alle gesellschaftlichen Bereiche brauche, nicht nur die Gesundheitsdienste. Wie unterschiedlich Kinder innerhalb derselben Familie behandelt werden können, zeigt auch das Phänomen Lieblingskind.
Hier findest du Hilfe
Wenn dich das Thema oder eigene Erfahrungen beschäftigen, musst du damit nicht allein bleiben. Es gibt kostenfreie und anonyme Anlaufstellen:
- Deutschland: Telefonseelsorge kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Für Kinder und Jugendliche: Kinder- und Jugendtelefon unter 116 111 (Mo–Sa 14–20 Uhr). Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (Mo, Mi, Fr 9–14 Uhr; Di, Do 15–20 Uhr).
- Österreich: Telefonseelsorge unter 142 (gebührenfrei, 24/7).
- Schweiz: Die Dargebotene Hand unter 143 (rund um die Uhr).
Foto von Ron Lach : https://www.pexels.com/de-de/foto/madchen-gesicht-portrat-kind-9511977/
