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Altersunterschied in der Liebe: „Der könnte dein Vater sein!“

Beziehungen mit großen Altersunterschieden assoziieren wir meistens mit Geldgier oder Midlife-Crisis. Spielt das Alter wirklich eine so wichtige Rolle in der Liebe?

Wenn es um Altersunterschiede in der Liebe geht, denken wir an ältere Männer mit Potenz- und Bindungsproblemen, die sich intelligenzbefreite Blondinen mit Mengenrabatt beim Schönheitschirurgen halten oder an Cougar-Mütter à la Mrs. Robinson und Stiflers Mom, die sich aus Langeweile einen allzeit bereiten Erstsemesterstudenten angeln.

Abseits von Hollywood und Bunga Bunga sind Beziehungen mit einem Altersunterschied von mehr als zehn Jahren aber auch unter Normalsterblichen keine Seltenheit. Und auch wenn in Sachen Beziehung und Liebe inzwischen so gut wie alles geht und von offenen Partnerschaften und nüchternen Sex-Arrangements längst niemand mehr schockiert ist, werden beim Thema Altersunterschied doch meistens hinter vorgehaltener Hand die Klischeebilder der Gold Digger und Midlife-Crisis-Opfer ausgepackt. Wer in dieser Hinsicht offener denkt, sagt dann so etwas wie: „Das Alter ist nur eine Zahl“ oder „Man ist so alt, wie man sich fühlt“. Aber stimmt das? Kennt „wahre Liebe“ wirklich kein Alter? Sind es selbstauferlegte Beziehungsbilder, denen wir uns da unterordnen oder sorgt ein Altersunterschied in der Partnerschaft wirklich für mehr Probleme als es bei gleichaltrigen Partnern der Fall ist?

 

Von Vaterkomplexen und Selbstbewusstseinsproblemen

 

„Der könnte dein Vater sein“ – diese Aussage muss sich eine Frau mit älterem Partner wohl mehr als häufig anhören. Wenn wir ehrlich sind, überkommt die meisten von uns dieser Gedanke, wenn wir von dem Mittdreißiger hören, der sich schon wieder eine 18-Jährige aufgerissen hat. Und geht es um den Typen aus dem Studium, der was mit einer 40-Jährigen hat, drängt sich das ein oder andere Mal bei jedem von uns die Frage auf: Ist das eigentlich noch normal? Irgendwie stoßen wir uns an solchen Konstellationen, gehen automatisch davon aus, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Dass der Ältere jetzt nachholt, was er als junger Mensch selbst nicht bekommen konnte und dafür ein Arrangement eingeht, mit jemandem, der gerne seinen Lebensunterhalt finanziert haben möchte. Der eine bringt den Status und das nötige Kleingeld mit, der andere seine Jugend und Formbarkeit, eine Art Tauschgeschäft. So oder so ähnlich sieht zumindest das gängige Bild aus, das wir von solchen Partnerschaften haben.

Spielen Vaterkomplex und zu wenig Selbstbewusstsein zwingend eine Rolle? Sucht die ältere Frau nach einem Jüngeren, weil sie sich gegen das Altern wehren will? „Pauschal kann man das so gar nicht sagen“, sagt die Münchner Paartherapeutin Andrea Bräu gegenüber ZEITjUNG. „Obwohl das natürlich oft der Fall ist, man muss sich ja nur mal Lothar Matthäus anschauen zum Beispiel, oder Peter Maffay, der zu seiner Freundin 50 Jahre Altersunterschied hat, das finde ich jetzt auch schwierig. Aber ich würde nie soweit gehen, zu sagen, dass eine Beziehung, in der ein Generationenwechsel vorhanden ist, zwangsläufig krank oder schlecht sein muss“.

 

Von Toyboys und Sugardaddys

 

Trotzdem sind Beziehungen, in denen eine große Altersdifferenz herrscht, in unserer Gesellschaft nicht wirklich akzeptiert. Was irritiert uns an diesen ungleichen Paaren? Ist es das rückständige Frauenbild, das die 24-Jährige uns vermittelt, die auf der Suche nach einem Versorger ihre Jugend einsetzt? Oder stört es uns einfach nur mal wieder, dass hier von der Norm abgewichen wird? Woran liegt es, dass in unseren Köpfen unweigerlich Bilder von Toyboys, Sugardaddys oder materiell orientierten Wasserstoffblondinen entstehen, wenn es um altersmäßige Ungleichheiten bei einem Paar geht?

Obwohl, oder vielleicht gerade weil es uns von so vielen Prominenten vorgelebt wird, stehen wir Beziehungen mit Altersunterschied noch immer kritisch gegenüber. Sehen wir Bilder von Lothar, Dieter und Co., denen ihre blutjungen Modelfreundinnen am Arm hängen, kommen einem viele Gedanken in den Kopf. Der an die große Liebe ist mit Sicherheit nicht dabei. Und auch bei Madonnas laufend wechselndem Toyboy-Sortiment lässt sich zweifeln, ob Typen mit Namen wie Jesus Luz, die zufällig auch noch Model oder Tänzer sind, die 57-Jährige aus rein emotionalen Gründen anziehend finden, von körperlichen ganz zu schweigen.

 

Das Problem mit der Augenhöhe

 

„Ich persönlich glaube, dass Beziehungen nur auf Augenhöhe funktionieren“, sagt Andrea Bräu. Kann jemand, der nur halb so alt ist wie man selbst, auf der selben Augenhöhe sein? Wahrscheinlich nicht. Ob wir es zugeben wollen oder nicht: Wir schauen zu älteren Menschen auf. Nicht unbedingt, weil wir sie für schlauer halten, aber weil sie mehr Erfahrung haben. Weil der große Bruder zwangsläufig oft mehr weiß als man selbst, weil er mehr gesehen und erlebt hat. Umgekehrt wollen wir jüngeren Menschen meistens etwas von unseren Erfahrungen mitgeben. Wollen ihnen erklären, wie bestimmte Dinge so laufen und genießen, wenn wir ehrlich sind, die Bewunderung unserer kleinen Cousins und Cousinen, die uns in ihrem jugendlichen Leichtsinn für die Größten halten, einfach weil wir älter sind als sie. Dieses Ungleichgewicht findet man eben nicht nur auf Familienfeiern, sondern auch in Beziehungen mit Altersunterschied. „Wenn sich beispielsweise ein 40-Jähriger eine 18-Jährige sucht, höre ich schon manchmal Aussagen wie: ‚Na ja, die kann ich schon noch ganz gut formen, die passt sich mir an und guckt zu mir auf'“, berichtet Andrea Bräu. Nach Augenhöhe und Gleichberechtigung hört sich das nicht unbedingt an.

Doch es sind nicht nur Vorurteile, mit denen unterschiedlich alte Paare zu kämpfen haben. Auch die Lebensplanung könnte bei Beziehungen mit Altersdifferenzen problematisch werden. Jemand, der Mitte 40 ist, hat nicht mehr allzu viel Zeit für die Familiengründung, während jemand mit 20 Familienplanung und Bausparvertrag noch nicht mal im Vokabular hat. Jemand, der fest im Berufsleben steht, fühlt sich auf Afterpartys am Mittwochmorgen und Bierpongturnieren am Montagabend wahrscheinlich genauso wohl wie ein Student beim Business Dinner mit hors d’œuvre und Getränkepreisen, die das Bafög-Einkommen halbieren. „Wenn die Frau etwa zehn, zwölf Jahre älter ist, stellt sich das bei meinen Patienten oft als Mutter-Sohn-Beziehung dar. Ergo ist es oft andersrum so, dass der Mann einen hohen Altersunterschied hat und sich denkt: ‚Da hab ich jetzt so eine Kleine, der ich das Leben erkläre‘, dann ist man nicht auf Augenhöhe, sondern in einer Vater-Tochter-Beziehung und dann wird’s richtig schwierig“, erzählt uns Andrea Bräu.

 

Kann eine Beziehung mit Altersunterschied trotzdem funktionieren?

 

Doch Gegensätze ziehen sich eben manchmal auch an. Eine Beziehung kategorisch auszuschließen, weil der Partner eben nicht nur fünf, sondern fünfzehn Jahre älter ist, kann auch nicht des Rätsels Lösung sein. Die Lebensentwürfe, die jeder von uns hat, variieren immer stärker. Während der eine mit Anfang 40 drei Kinder und ein Haus hat, reist der andere noch fröhlich durch die Weltgeschichte, weil er auf Bindung und Verpflichtung keine Lust hat. Und so manch einer entdeckt Mitte 20 das Studentenpartyleben und Alkoholvergiftungen für sich, was dem Kommilitonen schon lang zum Hals raushängt. Kann also eine Beziehung mit hohem Altersunterschied trotz allen Hindernissen auch funktionieren? Trotz aller Ungleichheiten in Erfahrungen und sozialer und beruflicher Stellung? „Vieles funktioniert ja auch, weil es so dysfunktional ist, genau darum halten sich Beziehungen oft aufrecht“, beantwortet Andrea Bräu unsere Frage. „Manchmal besteht diese Dysfunktionalität eben darin, dass es eine ganz klare Schieflage gibt. Wenn das für beide Beteiligten einen Benefit gibt, dann kann das auch funktionieren“.

Wir leben in einer Zeit, in der wir doch eigentlich an keine Konventionen mehr gebunden sein sollten, wenn es darum geht, welchen Partner wir haben. Eine Frau muss einen Mann nicht mehr danach bewerten, ob er ihren Eltern in den Kram passt oder sie ernähren kann und ein Mann beurteilt nicht mehr nur die Gebärfreudigkeit und Kochkünste seiner Zukünftigen. Vielleicht sollten wir in unserer Liberalität also auch Paare mit großem Altersunterschied öfter mal ganz vorurteilslos betrachten, ganz nach dem Motto: Leben und lieben lassen.

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Bildquelle: Ian schneider unter unsplash.com

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