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Amelie Kiefer: “Ich hatte das Gefühl, meine Jugend nochmal zu erleben.”

Schauspielerin Amelie Kiefer zu Besuch bei uns. Ein Gespräch über ihre Heimat München, Talente und das Mamasein.

Amelie Kiefer kommt uns heute besuchen. Die junge Schauspielerin ist für ein paar Tage in München unterwegs, um altbekannte Heimatluft zu schnuppern, ein Musikvideo zu drehen und ihren neuen Film “Nirgendwo” zu präsentieren. 

Amelie Kiefer ist schon lange kein unbekanntes Gesicht mehr. Ihren großen Durchbruch hatte die 29-Jährige 2008 an der Seite von Jürgen Vogel und Frederick Lau in “Die Welle”. Für ihren Auftritt wurde sie damals mit dem Undine Award ausgezeichnet. Was folgte, ist eine enorme Liste an Fernseh- und Kino-Produktionen. Amelie Kiefers Spiel, die 2008 von München nach Berlin zog und dort heute mit ihrem dreijährigen Sohn wohnt, ist geprägt von einer erstaunlichen Authentizität und Natürlichkeit. Man glaubt ihr ihre Rollen, wird von ihr eingeladen, mitzufühlen. Genau das stellt sie aktuell im Kinofilm “Nirgendwo” von Matthias Starte neben anderen hoch talentierten Jung-Darstellern wie Ben Münchow und Ludwig Trepte unter Beweis. 

Hinter Amelies Lächeln verbirgt sich ein kleines Fünkchen Anspannung, das sie nicht ganz verbergen kann. Wir hatten mit ihr abgesprochen, dass wir in diesem Interview kein einfaches Promo-Blabla allein zum Film kreieren, sondern mehr über sie, die Schauspielerin und die Frau Amelie Kiefer, erfahren wollen. Wir machen es uns im Wohnzimmer bequem…

ZEITjUNG: Welche Erinnerungen hast du an den Dreh in München und Umland vor einem Jahr?

Amelie Kiefer: Es war super schön! Ich bin für den Dreh ja in meine Heimatstadt München zurückgekommen und hatte das Gefühl, noch einmal meine Jugend zu erleben. Das hat perfekt mit der Rolle übereingestimmt. Durch meine Rolle als Kirsten habe ich die Möglichkeit bekommen, mich noch einmal jünger fühlen zu können und das war einfach toll!

Hat dir genau dieses Heimatgefühl geholfen, dich umso besser in deine Rolle hineinzuversetzen?

Ja, mit Sicherheit. Aber es lag auch daran, dass mir das ganze Drehbuch so vertraut schien und ich die Probleme der Protagonisten einfach sehr gut kenne, besonders die von Kirsten. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass ich die Jugend damals sehr schnell verlassen habe, weil ich sehr jung Mutter geworden bin. Aber auch aufgrund anderer Vorkommnisse und Umstände. Irgendwie musste ich mich sehr früh auf den Weg zum Erwachsenwerden begeben und da gab es dann auch kein Zurück mehr. Ich hatte jetzt das Gefühl, es war notwendig, noch einmal hier sein zu dürfen – in München, in meiner Heimat.

Kirsten ist ein typischer Familienmensch – bist du das auch?

Ich glaube, ich bin sehr ambivalent und das ist Kirsten auch. Mein Sohn ist das Tollste, das es gibt. Mit ihm macht alles viel mehr Sinn. Gleichzeitig suche ich aber ständig nach etwas Anderem und hinterfrage regelmäßig mein Leben. Kirsten ist ein sehr verträumter Mensch und lebt in zwei verschiedenen Welten. Das kenne ich von mir nur allzu gut.

Ich kann mir vorstellen, dass es manchmal schwierig sein kann, Kind und Karriere im jungen Alter unter einen Hut zu bekommen.

Puh, es ist sicherlich einfacher ohne Kind, klar. Ich finde es manchmal schade, dass Kinder nicht einfach so dabei sein dürfen und ihre Anwesenheit selbstverständlicher gesehen wird. Man müsste das Kind vielleicht einfach mal wieder öfter mitnehmen, dann würden sich die Leute vielleicht auch daran gewöhnen.

Genießt du die Zeit ohne Kind nicht auch manchmal oder vermisst du deine Familie sehr schnell?

Ich muss zugeben, dass ich es auch einfach mal genieße, ohne mein Kind unterwegs zu sein. Dann kann ich einfach mal wieder verträumt, orientierungslos und planlos sein und schauen, was der Tag so bringt.

Kann man sich als Mutter denn überhaupt noch „erlauben“, ab und an auch mal Tagträumer zu sein?

Ich habe erst durch meinen Sohn gelernt, welche großen Auswirkungen eine richtige Organisation eigentlich hat und wie viel man dann schaffen kann. Obwohl man ein Kind hat, schafft man deutlich mehr, weil man das richtige Organisieren erst einmal lernt.

Du bist Wahl-Berlinerin und kommst aus München. Wo bist du Zuhause und wo bist du Daheim?

Ich glaube, ich bin inzwischen tatsächlich bei meinem Freund und meinem Sohn Zuhause. Langsam habe ich das Gefühl, dass ich in Berlin ankomme und ich kann mir jetzt auch nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Ich merke immer mehr, dass ich mit meinem Sohn jetzt weiter rausfahre und die immer gleichen Orte erkunde, wie meine Eltern das eben auch mit mir gemacht haben. So habe ich mich in Berlin quasi selbst ausgetrickst. Das baut ein wenig Heimatgefühl auf und macht das große Berlin gleich viel kleiner.

Man sucht halt doch immer das Dorf in der Großstadt…

Ja, total! Ich bin dennoch unfassbar gerne in München, weil die Erinnerungen hier einfach so stark sind, dass sie niemals überschrieben werden können. Die Wurzeln haben einfach hier ihren Ursprung. In München bin ich aufgewachsen und in Berlin versuche ich, mir meine Heimat aufzubauen und dadurch entwickelt sich natürlich ganz viel Neues.

Kommen wir mal auf deine Schauspielkarriere zu sprechen: Du warst 5 Jahre alt, als du die ersten Schritte in Richtung Schauspielerei gemacht hast. Eigentlich ein Alter, in dem wir uns gar nicht mehr an unsere Hobbies oder ähnliches erinnern können. Kannst du dich noch gut an die Anfänge erinnern?

Mein Papa hat von diesem Wettbewerb in der Zeitung gelesen und ist mit uns dorthin spaziert. Das war eigentlich gar keine klare Entscheidung, sondern eine Challenge und es gab keinen Grund, das nicht zu machen. Die richtige Schauspielerei fing dann eigentlich erst 2003 mit einem Dreh in Island an. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das erste Mal bemerkt, dass das keine kindliche Intuition ist, sondern dass ich das ernst nehmen muss. Es wurde schließlich etwas von mir abverlangt. Ich habe dann erst verstanden, dass man in dieser Branche wirklich etwas über sich und das Leben lernen kann.

Du hast bei großen, deutschen Verfilmungen mitgespielt, wie beispielsweise in „Die Welle“ an der Seite von Jürgen Vogel. Nach einem Interview aus der damaligen Zeit schrieb ein Journalist: „Amelie ist ein Ausnahmetalent.“ An sich eine schöne Äußerung, aber produziert sowas nicht auch eine große Erwartungshaltung?

Ich mag das grundsätzlich gar nicht, wenn Menschen in Superlativen beschrieben werden, weil ich kein Fan davon bin, wenn ein Einzelner so hervorgehoben wird, nur weil er die Chance hat, etwas zu sagen und ein anderer nicht. Mich freut es natürlich, dass die Leute das gut finden, was ich mache. Aber am Ende zählt natürlich auch, ob ich das gut finde und da bin ich tatsächlich sehr, sehr kritisch mit mir selbst.

Was bedeutet für dich Talent?

Talent entspringt eigentlich erst mal daraus, dass jeder das tut, was er tun möchte. Jeder kann irgendwas besonders gut und ist talentiert. Irgendwann merkt man dann ganz intuitiv, dass man für einen bestimmten Bereich Interessen hat und häufig geht man dem dann eben nicht nach, weil man selbst zu voreingenommen ist. Wenn man aber genau diesem Weg doch folgt, kommt man automatisch dorthin, wo man eigentlich hingehört. Jeder hat ein Talent und jeder kann einen bestimmten Weg dorthin gehen.

Was sind deine Talente neben der Schauspielerei?

Eigentlich gibt es gar keine klare Linie. Ich versuche, immer in meiner freien Zeit neue Sachen auszuprobieren. In letzter Zeit habe ich viel getanzt oder mit meinem Freund Musikvideos produziert. Ich spiele ab und zu auch Klavier. Das kann ich zwar nicht besonders gut, aber ich mag diese Schnittstelle, wenn sich Musik mit Film oder bildende Kunst mit der Schauspielerei verbindet.

Gab es aus deinem nahen Umfeld nie Leute, die die Schauspielerei als „brotlos“ abgetan haben?

Nein, zum Glück nicht! Meine Familie hat mir immer alle Türen offen gelassen und das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, wieso ich mir immer die Steine selbst in den Weg gelegt habe. Mir schien das irgendwie alles zu einfach, was ich da mache und darüber habe ich dann viel zu viel nachgedacht. Deswegen war ich dann wahrscheinlich auch auf der Kunsthochschule und ein Jahr in Argentinien. Um etwas anderes zu finden. Dann habe ich mich aber doch immer wieder dabei erwischt, wie ich in der Kunsthochschule saß und meinen Castingtext für „Die Welle“ gelernt habe, obwohl ich eigentlich auf einem ganz anderen Weg war.

Gab es neben dem Schauspielberuf überhaupt einmal die Überlegung, etwas ganz Anderes zu machen?

Ich wünschte es wäre so, weil ich mir ständig denke: ‚Da ist noch was, da kommt noch was.‘ Je mehr und mehr ich aber meinen Weg gehe, treffe ich Leute, die so ähnlich ticken und dann kommt es meistens zu coolen Zusammenarbeiten. So mache ich eben beispielsweise mit meinem Freund gemeinsam Musikvideos. Natürlich hat das alles wieder diesen schauspielerischen, künstlerischen Ursprung. Aber es ist trotzdem etwas Neues für mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals das Gefühl haben werde, angekommen zu sein.

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Titelbild: Max Seibert

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