Benjamin Clementine: „Vielleicht bin ich ein Genie“

Benjamin Clementine Interview 1

Von Erik Brandt-Höge

Benjamin Clementine war 19, als er seine Heimatstadt London verließ. Aufgewachsen in Edmonton, dem ehemaligen weißen Arbeiterviertel, das heute multikulturell und für seine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote bekannt ist – mit die höchste in ganz Großbritannien –, stemmte er sich in Kindheit und Jugend gegen den Wunsch der Eltern, Anwalt zu werden. Benjamin wollte nur eins: Musik machen. Er brachte sich selbst das Klavier-, Gitarre- und Schlagzeugspielen bei, sang, ohne eine Stunde zu nehmen. Und nach einem Familienstreit, der sich nicht mehr legen wollte, packte er seine Sachen und zog weg aus London, um in seiner Wahlstadt Paris glücklich zu werden. Das sollte ihm jedoch erst nach einigen Schwierigkeiten gelingen, von denen Benjamin auch auf seinem ersten Album „At Least For Now“ erzählt. Ein Gespräch mit dem heute 26-Jährigen über das Leben in den Straßen von Paris, zwischenzeitliche Obdachlosigkeit, nie Hoffnungslosigkeit, einen Karrierestart in der Metro und Ruhm als notwendiges Übel.

 

Benjamin, in deinem Lied „Condolence“ singst du, du wärst erst vor einigen Jahren geboren worden, und das „aus dem absoluten Nichts“. Das musst du erklären.

Dass ich aus dem Nichts komme, habe ich selbst erst realisiert, als ich von London nach Paris ging. Es fühlte sich wirklich so an: Erst dort, in Paris, wurde ich geboren. Erst dort habe ich angefangen, ernsthaft zu leben.

 

Inwiefern?

In Paris durfte ich plötzlich sein, wie ich sein wollte: Jemand, der sich austoben will. Der frei denken will. Der kämpfen will. Und lieben.

 

Du warst 19, als du England verlassen hast. Was war deine größte Hoffnung bezogen auf deine Wahlheimat in Frankreich? Welche Träume hattest du?

Ich hatte keine Träume, was etwa eine Karriere als Musiker anging. Ich bin nicht nach Paris gekommen, um der Künstler zu werden, der ich heute bin. Paris war nur die Konsequenz aus meiner damaligen Lebenssituation: ein Zufluchtsort. Und als ich dort ankam, habe ich nur versucht, mein Leben so gut es ging zu leben.

 

Wie waren die ersten Monate in der neuen Stadt?

Nicht besonders leicht. Ich musste erstmal meine eigenen Dämonen bekämpfen, was ich letztlich bis heute tue. Ich musste nicht nur lernen, den Menschen um mich herum zu vertrauen, sondern vor allem mir selbst, mir und meinem Bauchgefühl. Eigentlich habe ich alle wichtigen Entscheidungen in den ersten Wochen und Monaten in Paris aus dem Bauch heraus getroffen, auch wenn mich das manchmal in Schwierigkeiten brachte.

 

Du warst eine Zeit lang sogar obdachlos in Paris …

… habe aber nie aufgegeben. Viele andere hätten an meiner Stelle sicher nicht so lange durchgehalten und sich womöglich etwas angetan. Weil sie nicht so lange hätten leiden wollen.

 

Worunter hast du am meisten gelitten?

Unter dem Wetter. Vor allem im Winter ist das Wetter in Paris ziemlich mies. Wenn man auf der Straße ist, und es wird kalt und kälter, es schneit vielleicht noch, und dazu mischt sich ein immer größer werdendes Hungergefühl, dann kann einen das wirklich zur Verzweiflung bringen. Das und die Suche nach Schutz, irgendwo in dieser Riesenstadt, war eine echte Herausforderung, immer wieder.

 

Was hat dich angetrieben, das durchzustehen?

Mein dickes Blut. Mein Körper. Mein Kopf. Vielleicht bin ich ja ein Genie (lacht).

 

Heute wirkst du erstaunlich entspannt, wenn du darüber sprichst.

Weil ich auch ein Stückweit froh bin, dass ich das alles erlebt habe. Klar, diese ersten fünf Jahre in Paris fühlen sich an wie 50, so anstrengend waren sie. Aber sie sind nun mal ein Teil meiner Geschichte, die ich jetzt in meinen Liedern erzählen kann. Wer glaubt, mein schneller Aufstieg in der Musikindustrie wäre nur die Sache eines Jahres gewesen, irrt sich gewaltig.

 

Dieser Aufstieg begann damit, dass du eines Tages in die Pariser Metro gestiegen bist und angefangen hast, zu singen. Wie kamst du auf diese Idee?

Ich hatte keine Wahl. Es war der einfachste Weg, etwas zu Essen zu bekommen. Irgendwann habe ich gar nicht mehr darüber nachgedacht, sondern es einfach gemacht. Zuerst in der Bahn, dann in Pubs, auf Partys, in Clubs.

 

Du musst großes Vertrauen in deine Stimme gehabt haben.

Das kam erst, als die Leute zum ersten Mal gelächelt haben, nachdem sie mich gehört hatten. Ich hatte zuvor keine Erfahrung im Singen, habe das auch nie geübt. Ich habe nur das Glück, diese Stimme zu besitzen.

 

Wie bist du mit den ersten Erfolgen umgegangen, mit der Aufmerksamkeit, die du bekamst?

Ich musste erst mal lernen, diese Aufmerksamkeit zu genießen. Ich habe ja eigentlich nur gesungen, um an Essen und einen Schlafplatz zu kommen. Erst als ich meine eigenen Songs schrieb und immer mehr Menschen sie mochten, habe ich begriffen, dass ich mit Musik mehr erreichen kann. Viel mehr.

 

Mittlerweile bist du ein internationaler Popstar. Genug Ruhm für dich?

Ruhm ist ein notwendiges Übel. Ich weiß, dass ich immer bekannter werde, und ich weiß auch, warum. Aber mir geht es wirklich nicht um irgendein Star-Dasein. Mir geht es um die Kunst.

 

Spürst du keine Genugtuung, wenn du heute durch die Straßen von Paris gehst, und immer wieder kommt jemand und möchte ein Autogramm oder Foto haben?

Es kommen tatsächlich immer wieder Menschen auf mich zu und wollen etwas von mir. Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich das gut oder eher nervig finden soll (lacht).

 

Und wie erlebst du das Geschäft, das mit dir gemacht wird? Schon gewöhnt an die Sitten der Musikindustrie?

Ich bin dabei (lacht). Das Wichtigste weiß ich auch schon: Die Musikindustrie hat nur das Geld, mehr nicht. Wenn ich die finanziellen Mittel hätte, die die Industrie hat, bräuchte ich sie für nichts, weder fürs Komponieren, noch fürs Schreiben, Spielen oder Singen. Die Geschäftsleute schaffen keine Inhalte. Sie sind von uns Künstlern genauso abhängig wie wir von ihnen. Ihr Erfolg ist an unseren gekoppelt.

 

Was bedeutet das überhaupt für dich: Erfolg?

Für mich ist Erfolg, wenn ich mich ausdrücken darf, wie ich mich ausdrücken möchte. Wenn jemand meine Lieder so aufnimmt, wie ich sie haben will. Um diesen Erfolg kämpfe ich gerade. Ich bin ja noch ganz am Anfang. Bei meinem zweiten und dritten Album werde ich sicher schon weiter sein und eine dominantere Position bei allen Arbeitsschritten einnehmen können.

 

Welche Rolle spielt Geld für dich?

Davon bleibt ja nichts, wenn ich irgendwann tot bin, genauso wenig wie von meinem Ruhm. Mit Geld kann man Leute nur kurzfristig zum Lächeln bringen. Darum geht es mir nicht.

 

Aber mit Geld könntest du dir ein schönes Zuhause in Paris kaufen.

Das wäre unnötig. Ich bin ein Vagabund, die meiste Zeit lebe ich sowieso in Hotels. Ich will auch noch viel mehr reisen, als ich es jetzt schon tue. Wenn ich mehr reise, mehr sehe und erlebe, kann ich auch mehr Lieder schreiben.

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