Wieso Bernie Sanders der Held der Millenials ist

Bernie Sanders

Die Generation Y, unsere Generation, ist besessen von Vintage und ihrer Übersetzung in eigene Schemata. Wir lesen Marx‘ Manifest auf dem ipad. Wir posten ein Bergpanorama als Beweis unseres gehashtagten #digitaldetox bei Instagram. Manche wollen ihre Zigaretten ohne Filter und ihre Selfies mit. Wir lieben Einzigartigkeit; so sehr, dass wir sie am liebsten vervielfältigen. Was dabei herauskommt, sind eingescannte Polaroidfotos und Vinyl in der Cloud. Dass die Millenials in den amerikanischen Präsidentschaftswahlen nun ausgerechnet den ältesten Kandidaten leidenschaftlich unterstützen, passt gut in diese Retrovernarrtheit – hat aber noch ganz andere Gründe.

 

Ein Käpt’n Blaubär – Kandidat

 

Bernie Sanders, der 74-jährige US-Politiker mit jüdischem Hintergrund und dickem Brooklyn-Akzent, bezeichnet sich selbst als „demokratischen Sozialisten“ und predigt Zerschlagung der Banken, Abschaffung von Studiengebühren und Krankenversicherung für alle – und das mit einer Stimme, die uns an unseren Großvater erinnert, als er uns aus Käpt’n Blaubär vorgelesen hat. Im Internet wird der Kandidat der demokratischen Partei liebevoll „The Bern“ genannt, als wäre er ein kuscheliges Maskottchen, das uns vom Platz in eine bessere Welt führt. „Sometimes I feel as if Bernie’s existence is too good to be true. Everyone else is fake. He is genuine in every way”, schreibt ein User unter einem Youtube-Video, das mit pathetischer Streichermusik unterlegt ist. Sanders ist ein Popstar, titeln die Zeitungen, aber da ist mehr: Wähler fühlen sich bei dem siebenfachen Großvater aufgehoben, der sich als Einziger der Kandidaten nicht aus Super-Pacs, also Töpfen unterstützender Lobbygruppen, finanziert, weil er authentisch ist und keine Riesenwahlkampfmaschine im Rücken hat. Und die Millenials verehren Sanders nicht, weil er jung und hip, und auch nicht zuallererst, weil er ein niedlicher und nahbarer Opa ist – sondern schlicht, weil er sich für die Welt einsetzt, die wir errichten wollen: Eine Welt, in der alle gleich sind, Schwarze, Weiße, Reiche, Arme, Dicke, Dünne, Schlaue, Dumme, und sich trotzdem selbstverwirklichen können. In gewissem Sinne steht Sanders weniger für ein System als für eine Vision.

Seine Konkurrentin Hillary Clinton wird oft als Realistin bezeichnet, wo er Idealist ist, als pragmatisch, wo er die Revolution ausruft. Natürlich sind wir jung, natürlich kocht in uns das Blut der Ambitionen – natürlich stehen wir auf der Seite von dem, der uns gleich einen neuen Apparat verspricht, statt den alten schönzureden. Bei Politik stehen wir nicht auf Vintage. Und der anfängliche Underdog übt erfolgreich Druck auf seine Opponentin aus: Im Vergleich zu 2008, als sie neben Obama ins Rennen ging, hat Hillary Clinton ihr Wahlprogramm nun deutlich nach links verschoben, kündigt eine höhere Besteuerung der oberen Einkommensgruppen an und will Banken stärker regulieren.

 

Die liberalste und offenste Generation, die es je gegeben hat

 

Die Millenials wachsen zur liberalsten und offensten Generation heran, die es in der Geschichte Amerikas je gegeben hat – weil sie es anders machen will. Großgeworden zwischen Bush und Irakkrieg, zwischen Schuldenbergen und Rezession, wünschen sich die zwischen 1980 und 1995 geborenen mehr Gerechtigkeit, vielleicht sogar mehr Normalität. Laut einer Pew-Studie von 2014 bevorzugen sie den Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus, finden die Polizei rassistisch und haben keine Angst vor Ausländern. Sie sind idealistisch, bisweilen sogar träumerisch, aber vor allem: Sie sind inzwischen so alt, dass sie die Welt entscheidend mitprägen. Die digital natives sind keine pickligen Teenager mehr, deren Sonne zwischen einem virtuell gläsernen Horizont auf- und untergeht, sondern junge Erwachsene im wahlfähigen Alter, die täglich Projekte starten und Start-Ups gründen und damit mal mehr, mal weniger erfolgreich die Zukunft des Planeten modellieren.

Bernie Sanders lebt genau diese Philosophie: Er ist weitestgehend unabhängig, keiner vom Establishment. Zwei seiner größten Unterstützer sind die Eismacher Ben Cohen und Jerry Greenfield. Sanders war Bürgermeister in Burlington im Bundesstaat Vermont, wo die zwei Unternehmer in einer umgebauten Tankstelle ihre erste Eisdiele eröffneten. Wie Chunky Monkey oder Caramel Chew Chew ist Sanders einfach einer, auf den sich alle einigen können. Ben + Jerry = Bernie – die Rechnung scheint aufzugehen.

 

Sind wir noch idealistisch oder schon naiv?

 

Dass der American Dream und die Zeit des Landes als Seifenblasenmaschine vorbei ist, wissen sowohl Trump als auch Clinton, Sanders und alle anderen Kandidaten. Der träumerische Schaum glitzert nur noch im Abwasser der Tellerwäscher, die niemals Millionäre sein werden, weil man sich als Einwanderer ein College gar nicht erst leisten kann und an jedem noch so unterbezahlten Job festgehalten werden muss. Begraben ist die Hoffnung der gleichen Möglichkeiten – das reichste Prozent der Bürger besitzt mehr als die ärmeren 90% -, jährlich crashen Banken und so fährt jeder seinen Traum irgendwann gegen die Wand. Risiken sind ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.

Und deshalb muss irgendwann die Frage gestellt werden: Wenn wir von der Generation Y reden, sprechen wir dann tatsächlich von allen um die Jahrtausendwende geborenen – oder nur von einer spezifischen Blase? Tatsächlich meinen wir doch vor allem eine Gruppe: groß vernetzt, gut gebildet, gehobene Mittelschicht. Es sei ironisch, kritisieren nämlich einige, dass ausgerechnet die nach links rücken, die mit dieser Welt, der schonungslosen, noch nie in Berührung gekommen sind. Die sich in den beheizten vier Wänden ihres Studentenzimmers über eine Regierung aufregen, die ihnen buchstäblich den Arsch auf dem Stuhl wärmt. „Wieso seid ihr gegen ein System, von dem ihr profitiert habt?“, klagt Genevieve diNatale in The Odyssey, einem studentischen Onlinemagazin an.

 

Der große Trump(f)

 

Vielleicht, weil man weiß, dass es nicht allen so gut geht wie einem selbst. Idealismus ist nichts per se Verwerfliches. Doch sind die Versprechungen Sanders‘ überhaupt realisierbar – oder nur Auftrieb für eine gewaltige Fallhöhe? Wir haben in Amerika schon einmal gesehen, was passiert, wenn zu viel Hoffnung in einen Kandidaten gesteckt wird: Obama konnte fast nicht nicht anders, als das Volk zu enttäuschen. Angela Merkel dagegen war nie ein leuchtender Stern am Polithimmel, eher so der träge und etwas plumpe Planet, und doch schaffte sie es, viele Leute mit ihrer Politik der kleinen Schritte stückchenweise zu überzeugen.

Die Millenials haben beim Wahlkampf einen großen Trump(f) in der Hand: Sie sind die Herrscher des Web. Wäre Facebook ein Land, wäre es das größte dieser Welt. Und auf der Seite www.ilikeberniebut.com können sich noch skeptische Anhänger von der Durchführbarkeit Sanders‘ Ziele überzeugen lassen (auch sein stabiler Gesundheitszustand wird versichert). Am Ende sei er sogar die pragmatischere Wahl, schreibt Robert Reich im Guardian: „Clinton ist sicherlich die qualifizierteste Präsidentschaftskandidatin für das System, das wir jetzt haben“, schreibt er – „doch Bernie Sanders ist der qualifizierteste Kandidat, um das System zu schaffen, das wir brauchen“.

 

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Bildnachweis: Alex Hanson unter cc by 2.0

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