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Beziehung: Die Kunst, sich nicht selbst zu verlieren

Viel zu oft verstricken wir uns in der Liebe in Abhängigkeiten und vergessen dabei ganz uns selbst. Über das Glück, trotz Beziehung ein Individuum zu bleiben.

Geliebt werden und lieben – das ist unser aller Wunsch. Es ist menschlich und gehört zu uns sozialen Wesen dazu wie essen und trinken – es ist lebensnotwendig. Kurz: Es ist in Ordnung, lieber zu zweit sein zu wollen.

Kritisch wird es aber, wenn die Beziehung die Oberhand gewinnt. Damit ist gemeint: Wenn wir in unserer Partnerschaft mehr verschmolzen sind, als zwei individuelle Menschen zu bleiben… und das geht verdammt schnell. Haben wir nicht alle mehrere Freunde im Umfeld, die diese Gratwanderung nicht auf die Reihe kriegen? Diese Freunde, die keine Entscheidung unabhängig von ihrem Partner treffen? Klar, haben wir. Und vielleicht sind wir diese Personen ja sogar schon selbst. Packen wir uns doch mal an der eigenen Nase: Wie oft versetzen wir das Eigeninteresse, um mit dem significant other Unternehmungen zu machen?

Leider oft und unbemerkt. Stellen wir uns das mal genauer vor: Wir versetzen uns selbst, weil wir uns für die gemeinsame Zeit mit dem Partners entscheiden. Die Entscheidung schleicht sich oft ein, ohne dass wir es direkt steuern können. Weil sich sofort der Gedanke einstellt: „Das ist doch mein eigenes Interesse. Das ist was ich will!“ Ja, wir wollen den Abend in Gesellschaft des Partners verbringen und ziehen es dem Theaterstück vor, das schon seit Wochen auf unserer Agenda steht, unseren Partner aber nicht interessiert. Die Frage ist, woher kommt diese schnelle Entscheidung? Ist sie wirklich bloß eine Interessensfrage? Oder sind wir vielleicht gesteuert von anderen Faktoren?

 

Abhängigkeit

 

„Ich kann gar nicht mehr alleine schlafen!“ Oh ja, den Satz haben wir auch schon gesagt. „So ein Quatsch, werd‘ endlich wieder ein eigener Mensch. Die Jahre vor deiner Beziehung ging es doch auch!“, wettern wir dann aber gegen die Anderen – und auch leise gegen uns selbst. Grund für Situationen wie diese, ist oft die Gewohnheit. Wir gewöhnen uns an Zweisamkeiten und möchten nicht mehr darauf verzichten. Warum auch, fühlt sich ja richtig an. Wenn aus Gewohnheit jedoch Abhängigkeit wird, sollten wir anfangen uns Gedanken machen. Denn wer wirklich nicht mehr ohne den anderen einschlafen kann – oder es behauptet – befindet sich bereits in einer unguten Abhängigkeit. Nicht nur im Bezug auf das Schlafen ist das fatal, es gibt genug andere Situationen, in denen der Partner eine wichtige Stellung in unserem Leben einnimmt, die nicht einfach zu ersetzen ist.

 

Verlustangst

 

Die letzten zwei Tage habt ihr das Haus nicht verlassen und saßt so richtig gemütlich aufeinander rum. Dann entscheidet ihr euch, den nächsten Abend getrennt zu verbringen. Einerseits, weil ihr Lust habt, die Jungs und Mädels mal wieder zu sehen. Andererseits, weil ihr euch ehrlich gesagt auch ein klein wenig auf die Nerven gegangen seid. Was absolut in Ordnung ist, mit jedem anderen Menschen würde es euch vermutlich auch so gehen. Zu viel Zeit auf engem Raum geht selten gut – außer wir verkrümeln uns hin und wieder an einen Rückzugsort. In einer Partnerschaft gibt es den jedoch selten.Wir schlafen in einem Bett, wir baden gemeinsam, wir essen gemeinsam, wir gucken Filme gemeinsam. Kein Wunder, dass es irgendwann zu viel wird. Also hopp, auf in dein eigenes Leben. Doch da kommt dieses komische Gefühl des Unvollständigseins. Es zieht im Bauch und fühlt sich gar nicht gut an. Dabei hast du die Wohnung deines oder deiner Liebsten noch gar nicht verlassen. „Hat die Person vielleicht keine Lust mehr auf mich?“, schießt es uns durch die Köpfe und die Angst macht sich breit. Logisch betrachtet wissen wir ganz genau, dass es nicht so ist. Es geht vielmehr um eine Verschnaufpause, Zeit für uns selbst. Aber die Verlustangst, übernimmt die Rolle der Emotion, die der Logik ziemlich die Stirn bieten kann. Obwohl wir eben noch gerne den Abend für uns selbst und unsere eigene Zeit gewinnen wollten, haben wir jetzt Angst, nicht mehr gemocht zu werden.

 

Lern‘ dich selbst mal wieder kennen

 

Es geht ums Durchatmen und den Schritt in unser eigenes, selbstbestimmtes Leben zu gehen. Da wartet Großes auf uns. Ein Meer an freien Entscheidungen nämlich. Nun ist es uns erlaubt, egoistisch zu sein! Du musst nicht für zwei entscheiden, sondern nur für dich selbst. Urlaub von großer Verantwortung ist das. Wenn wir die Möglichkeit haben nur auf unsere eigenen Bedürfnisse zu hören, können wir uns selbst auch wieder besser kennen lernen. Da steckt ein Individuum in unseren Köpfen, das Potential hat, sich zu entfalten und uns zu erfüllen… vielleicht auf eine viel nachhaltigere Art und Weise als es ein anderer Mensch es könnte. Und ebenso wichtig ist es, dieses Individuum von anderen Menschen wertschätzen zu lassen. Nur im Doppelpack aufzutreten nimmt uns vielleicht die Sicherheit, zu uns selbst zu stehen und eine eigene Person zu verkörpern.

 

Unabhängigkeit tut der Beziehung gut

 

Treffen wir dann nach erlebten kleinen Abenteuern wieder auf unsere Partner, haben wir uns Geschichten zu erzählen. Wir können begeistern und begeistert werden. Oder einfach das Beisammensein genießen, denn es ist etwas Einzigartiges, nichts was aus Abhängigkeiten oder Ängsten entstehen sollte. Mit dem Wissen, dass es ein Leben neben dieser Beziehung gibt. Ein ganz tolles, selbst kreiertes – uns so kann die Verlustangst sich vielleicht verabschieden. Denn die Lücke, vor der wir vorher Angst hatten, wissen wir zu füllen. Die Beziehung sollte eine Seite unseres Lebens sein, nicht das ganze Leben. Ein schlauer Mann sagte mal: „Der Ausdruck „allein sein“ hat eine schöne Bedeutung, keine schlechte, wie wir schnell denken. Es bedeutet all – ein sein – komplett sein.“

 

 

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Bildquelle: pexels.com unter CC0 Lizenz

 

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