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Chronische Depression: Ist Cannabis die Lösung?

ZEITjUNG: Welche spezifischen Vorteile bietet medizinisches Cannabis im Vergleich zu traditionellen Antidepressiva, insbesondere für Patent*innen, die auf herkömmliche Therapien nicht ansprechen?

Dr. med. Julian Wichmann: Tatsächlich ist einer der häufigsten Gründe für einen Therapieversuch mit medizinischem Cannabis vor allem die Reduktion von Nebenwirkungen bisheriger Medikamente. Zudem zeigt die genannte Studie aber auch, dass medizinisches Cannabis dann helfen kann, wenn traditionelle Therapien ausgereizt sind. Patient*innen berichten teilweise, dass sie durch medizinisches Cannabis ihren Alltag wieder deutlich besser gestalten können. Bei fast einem Viertel der Studienteilnehmer*innen halbierte sich der Schweregrad der angegebenen Depression nach sechs Wochen.

Und schließlich kann medizinisches Cannabis erfolgreich für die Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt werden. Schlafstörungen sind z.B. eine typische Begleiterkrankung von Depressionen oder auch Schmerzsyndrome, welche üblicherweise gut auf eine an den Tagesrhythmus angepasste Therapie mit medizinischem Cannabis ansprechen.

Die Wirksamkeit von medizinischen Cannabis bei Depressionen liegt übrigens unter anderem daran, dass Cannabis die Behandlung von Depressionen durch seine Wirkung auf das Endocannabinoidsystem des Gehirns und die Stimmungs-, Gefühls- und Stressregulation unterstützen kann. Cannabinoide wie CBD und THC haben antidepressive Eigenschaften, die auf ihre Wirkung auf Neurotransmitter, entzündliche Prozesse und die Stressreaktion im Gehirn zurückzuführen sind. Ein Großteil der Pflanze ist jedoch bis heute nicht vollständig pharmazeutisch erforscht, daher sind die Erfahrungen aus Ärzteschaft und von Patient*innen so wichtig.

Außerdem gut zu wissen: Im Zuge einer ärztlich überwachten Therapie mit medizinischem Cannabis ist bislang keine Cannabisabhängigkeit wissenschaftlich beschrieben worden. Die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Risiken stammen aus der Drogen-/Suchtmedizin, also bei der Einnahme unregulierter Substanzen mit nicht überwachten Dosierungen und Begleitumständen, nicht aus der kontrollierten medizinischen Anwendung. Hier muss man strikt differenzieren.