#healthylife und #foodporn: Warum uns das Internet dick macht

Internet-Diät-Abnehmen

Von Leonie-Sophie Habisch

Wir waren schon immer oberflächlich und haben uns nach Aufmerksamkeit gesehnt. Die Reichweite war nur begrenzter. In den 50ern sollten Frauen schlank aber kurvig sein. Twiggy als erstes Super- (und Mager-) Model leitete in den 60ern den viel zitierten Magerwahn ein. Bis in die 90er erholten wir uns davon nicht wirklich und auch heute haben Schaufensterpuppen die Kleidergröße von 11-Jährigen.

Das Körperbild wandelt sich jedoch schon wieder. Frauen und Männer wollen nicht mehr nur dünn, sondern kräftig, muskulös und gesund sein. Gesund ist überhaupt das neue Zauberwort. Jeder möchte gesund sein und jeder hält seinen Lebensstil für gesund. Lifestyle und Ernährung sind unsere neue Religion. Gute Ernährung verheißt uns die göttliche Erlösung von unserem Lotterleben voller Hot-Dog-Pizza zu einem #healthylife.

 

Amaranth-Vollkorn-Brot und Cross-Fit-Kurs

 

Zu diesem gesunden Leben führen viele Wege. Jeder noch so abstruse Ernährungs- und Sporttrend der letzten Jahre nimmt für sich in Anspruch, der heilige Gral der Lebensführung zu sein. Die einen gehen sechs Tage die Woche joggen und nehmen ihre fünf Portionen an Obst und Gemüse nur in flüssiger Form zu sich. Die anderen stellen vom Amaranth-Vollkorn-Brot bis zum veganen Aufstrich alles selbst her (natürlich mit eigens gezogenem Gemüse aus dem heimischen Garten). Wieder andere ernähren sich mit Fleisch und Gemüse wie unsere Vorfahren und leben von einem Cross-Fit-Kurs zum nächsten.

Egal, welchen Weg du einschlägst, eine Sache darf nicht fehlen: die Dokumentation. Auf Facebook, Instagram und Pinterest posten wir fleißig unsere grünen Smoothies und fühlen uns so richtig gesund. Woher diese gesellschaftliche Obsession mit Fitness und Gesundheit kommt, fragte sich auch Bloggerin Journelle bei der Web-Konferenz re:publica. „Das Internet hat mich dick gemacht.“, stellte sie fest. Die vielen Diät-Konzepte würden wie Guttenberg-Promotionen auseinandergenommen werden.

 

Low Carb, High Carb und Paleo

 

Also sind es mittlerweile so viele Hypes, dass wir sie wieder in Frage stellen, als ungesund ansehen und den Avocado Toast gegen das Schoko-Croissant tauschen. Low Carb, High Carb und Paleo können wir also ohne große Anstrengung links liegen lassen. Was tatsächlich gefährlich werden kann, ist wenn Menschen, die an Magersucht leiden, sich in Pro-Ana-Foren zu Communities zusammenschließen.

Die Medienwissenschaftler Boris Traue und Anja Schünzel untersuchten „Die Inszenierung von Körperwissen in Pro-Ana und Fat-Acceptace-Blogs“. Beide Gruppen arbeiten viel mit Bildern, um sich gegenseitig zu bestätigen. Sie entwickeln eine eigene Ästhetik von ihrer Idealvorstellung des Körpers. Außerdem stellen sie allgemein anerkanntes schulmedizinisches Wissen in Frage. Sie nehmen für sich in Anspruch, entgegen dieser Annahmen ein gesundes und gutes Leben zu führen. Das schafft ein „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl.

 

Rezepte und Youtube-Sportkurse

 

Genauso, wie bei den Trends identifizieren sich die User, meistens Mädchen, über ihr Essverhalten. Die Ernährung wird ein Teil ihrer Identität und macht sie zum Teil einer Gruppe. Selbst, wenn sie die Leute nicht kennen, die ihr Foto kommentieren, fühlen sie sich verbunden, weil sie den gleichen Körper schon finden, sich ähnlich ernähren und mit den gleichen Diskriminierungen zu kämpfen haben.

Das Internet ist also wirklich kein guter Ort, um abzunehmen. Du kannst hier zwar jede Menge Rezepte oder kostenlose Youtube-Sportkurse finden, aber dein Selbstbewusstsein wirst du vergeblich suchen. Die Anzahl an Blogs, Channels und Instagram Accounts, die dir den einzig wahren Weg zur ewigen Gesundheit zeigen wollen, ist einfach zu hoch. Mach dir also lieber bewusst, dass jeder Trend irgendwann vorbei geht und das einzige Körperideal, das wichtig ist, dein eigenes ist.

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Bild: Epicurrence via Unsplash.com