Dating-Regeln wie aus der Steinzeit? Nein Danke!

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Von Simone Mauer

Du hast jemanden kennengelernt. Du hast sexuelles Interesse an dieser Person und möchtest Kontakt herstellen oder zumindest beziehungsweise halten. So! Spätestens jetzt kommen selbst ernannte Beziehungs-, Dating und Sexperten auf sämtlichen Social Media Plattformen daher und wollen dir erzählen, worauf es ankommt und welche Fehler du auf gar keinen Fall machen darfst. Das entscheidende sei dabei nämlich nicht deine Persönlichkeit –  sondern dein Geschlecht. Denn, liebe Leute, es gibt Regeln, an die sich die Boys und Girls halten sollten… Wo kämen wir denn da sonst hin?

 

Deine eigene Persönlichkeit? – Scheiß egal, hör auf die Experten!

 

Männlein und Weiblein können nicht einfach machen was sie wollen, um beim jeweils anderen Geschlecht gut anzukommen. Dubiose Beziehungs- und Dating Experten veröffentlichen auf sämtlichen Kanälen, wie Mann und Frau sich zu verhalten haben, um in Sachen Sex und Liebe möglichst erfolgreich zu sein. Dabei werden häufig alle Vertreter eines Geschlechts über einen Kamm geschert… denn in gewissen Dingen sind ja eh alle Männer beziehungsweise Frauen gleich, ganz klar. Deine eigene Persönlichkeit oder dein Charakter? Scheiß egal! Die schlauen Dating-Experten wissen es besser und wollen dir mit so absurden Tipps wie den Folgenden erklären, wie das mit der Anziehungskraft zwischen Mann und Frau so läuft. Wir haben es für dich einmal zusammen gefasst:

 

Sei eine willensstarke Prinzessin, die am besten nur 40 Prozent ihrer Haut zeigt…

 

Die „40%-Regel“ für Frauen beispielsweise verspricht besonders großen Erfolg. Was das bedeutet? Wenn nur 40 Prozent der Haut gezeigt werden und der Rest durch Kleidung verhüllt ist, soll das, laut total ernst zunehmenden Forschern, auf Männer nämlich besonders attraktiv wirken. Dazu nur eine klitzekleine Frage am Rande: Ist diesen Forschern auch der Wechsel der Jahreszeiten bekannt? Im Winter könnte das mit den 40% freier Haut eher unbequem werden. Außerdem soll die Frau von heute stets wissen was sie will und ruhig mal egoistisch sein. Aber dennoch abwarten bis sich der Mann zuerst melde?. Natürlich auch dann, wenn sie sich eigentlich selbst melden möchte. Die selbstbewussten Mädels, die wissen was sie wollen, müssen also passiv dasitzen und warten, während der Mann den aktiven Part übernehmen darf/muss/soll. Das Ganze wird etwas beschönigt ausgedrückt, beispielsweise so: Die Dame ist nämlich die Prinzessin, um deren Gunst gebuhlt werden muss – steht zumindest in einem Artikel der Zeitschrift Elle: „7 Fehler, die dazu führen, dass du garantiert Single bleibst“.

 

„Sex bei Hitze“ – Jungs dürfen sich auf praktische Tipps freuen

 

Männer können sich meist auf heiße Sex-Tipps wie „So lecken Sie sie in die Ekstase“ und „Sex bei Hitze“ freuen. Macht Sinn, dass sich die Herren eher auf das Körperliche konzentrieren und Frauen auf den Beziehungskram, denn wenn man den Beiträgen der Flirt-Experten Glauben schenken mag, will ja sowieso jede Frau ständig eine Beziehung und wartet sehnsüchtig auf die neusten Tipps zu „Wie mache ich aus einer Affäre eine Beziehung“.

Die Jungs scheinen sehr auf Erfolg und Leistung gepolt zu werden. Wünschenswert ist es möglichst viele Schnecken an der Angel zu haben und im Schlafzimmer stets größtmögliche Performance abzuliefern. Dann kann Mann sich auf die Schulter klopfen. Was machen all diese abstrusen Vorschläge und Tipps mit uns, selbst wenn wir sie nicht ernst nehmen? Sind sie Spiegelbild einer nicht vorhandenen Gleichberechtigung, zumindest wenn es um Dating und Sex geht?

 

Unsicherheit und Verwirrung – Das nutzen die Dating-Experten aus

 

Frauen wird nach wie vor von allen Seiten eingeredet, sie sollen bloß nicht zu forsch sein, den Typen mal machen lassen, auf gar keinen Fall rumnerven. Ein Mann darf auf jeden Fall eine Frau jagen, aber andersrum ist das natürlich unmöglich. Das männliche Geschlecht ist hingegen dazu verdammt, stets den maskulinen Draufgänger und verwegenen Typen raushängen zu lassen, der alles selbst in die Hand nimmt. Auf fragwürdigen Youtube-Kanälen wird den Jungs nahegelegt, das Mädel aktiv klar zu machen und dann aber erst Mal eine Runde hängen zu lassen, um so interessanter zu wirken. Zwischendrin auch ruhig mal ein bisschen provokativ zur Angebeteten sein, eine nett verpackte Beleidigung raushauen, denn zu freundliche Typen sind out. Wie viel Handlungsspielraum bleibt den Geschlechtern da noch? Was für uralte Rollenerwartungen und Klischees stecken dahinter? Und spielt der Charakter bei diesen ganzen fragwürdigen Dating-Regeln noch irgendeine Rolle?

Das wachsende Angebot an Artikeln, Videos, Kursen und Büchern zum Thema scheint eine allgemeine Verwirrung widerzuspiegeln, was denn nun wirklich gut beim anderen Geschlecht ankommt. Selbst wenn man all diesen Artikeln gar keine Beachtung schenkt und sie nicht ernst nimmt, verdeutlichen sie doch eine vorhandene Meinung und Erwartungshaltung, wie sich Mann und Frau in punkto Sex und Beziehungen verhalten sollten.

Fakt ist: kein Mensch kann einem anderen Menschen, den er noch nie im Leben gesehen hat, ernst zunehmende Ratschläge in Punkto Sex und Beziehungen geben. Und warum? Weil er die Wünsche, die Neigungen, die Ängste, die Vergangenheit und die Persönlichkeit dieses Menschen nicht kennt, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Alles andere ist nicht weiter als pures Anmaßen!

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