Was das Wort „Alman“ für mich bedeutet

Das türkische Wort für „Deutscher“ hat längst Einzug in unseren alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. Mittlerweile gibt es zahlreiche Alman-Memes und Kommentare in den sozialen Medien – und Artikel über den Begriff.

Aber was bedeutet es, ein Alman zu sein?

Als Halbtürkin-Halbdeutsche hätte ich natürlich sehr viel zu diesem Wort zu erzählen, aber hier geht es in erster Linie darum, welchen Wandel der Begriff in meinem Leben erfahren hat.

Lange wurde das Wort „Alman“, erst nur von Personen mit türkischem oder orientalischem Background, dann auch von Deutschen selbst, vor allem als Schimpfwort verwendet. Um seine Missgunst über gewisse Verhaltensweisen in der deutschen Kultur kundzutun, folgte oft ein Satz wie „So ein Alman!

„Almans sammeln Rabattcoupons.“
„Almans fordern auch Cent-Beträge zurück.“
„Bei Almans gibt es Ruhezeiten.“

Da wäre die Situation im Restaurant zum Beispiel, wo jeder seine eigene Rechnung zahlt. In vielen orientalischen Kulturen gilt dies als ziemlich unhöflich und verweist auf zu viel Geiz. Wenn man z.B. in einem türkischen Restaurant auf die „deutsche Art“ bezahlen möchte, bedeutet das getrennte Rechnungen. 

Auch Pünktlichkeit ist ein Punkt, in dem sich die orientalische und die deutsche Kultur stark unterscheidet. Für die einen ein Graus und Zeichen von Kleinlichkeit, für die anderen elementar, um für sich einen strukturierten und effizienten Tag zu gestalten. 

Das sind natürlich alles nur Klischees, aber wir alle wissen, auch sie enthalten meist einen wahren Kern.

Almans können über sich selbst lachen  

Nun hat sich über die letzten 28 Jahre, die ich Migrationsgeschichte miterlebe, doch so einiges getan und die Denkweisen haben sich verschoben – und zueinander hingeschoben. Es geht bei dem Wort „Alman“ nicht mehr darum eine kulturbezogene Mentalität zu kritisieren, sondern darum, sie mit Humor hervorzuheben und dabei respektvoll anzuerkennen.  Der Begriff „Alman“ ist heute für mich zu einem liebevollen Kosenamen für deutsche Kulturklischees geworden. 

Es geht bei „Alman“ um die Fähigkeit zu reflektieren und über sich selbst zu lachen. Jeder, der mal einen längeren Auslandsaufenthalt hatte, kennt dieses Gefühl, wenn man tatsächlich über Klischees stolpert, die einen anfangs nerven und die man aber letztlich übernimmt. Und dabei reflektiert man dann, wie das eigentlich in Deutschland üblich ist.
Jeder, der mit anderen Kulturen in Berührung kommt, wird merken, dass wir in Deutschland schon manchmal auch ziemlich lustige Dinge tun *hust*Bahnticket in Klarsichtfolie*hust*gleich Polizei rufen statt klingeln*hust*.

Warum? Weil manches davon für uns einfach sehr viel Sinn macht! Auch ich liebe Maggi, meckere gern und viel über alles und schimpfe über zu laute Nachbar*innen. Klischee? Egal. Der deutsche Recyclingwahn wurde auch erst belächelt und ist nun weltweit geschätzt. 

Alman bekommt für mich eine positive Assoziation mit der deutschen Kultur. All die halbwahren Klischees, wie Pünktlichkeit, Genauigkeit und Effizienz, die unserem Zusammenleben doch sehr oft zugrunde liegen, sind mittlerweile auch für Menschen mit orientalischem Kulturbackground hochgeschätzte Eigenschaften, auch wenn er sich zuweilen über ein übertriebenes Ausmaß dieser Dinge lustig machen kann.

„Alman“ bezeichnet für mich das Ineinanderfließen unterschiedlicher Kulturen, denn der Begriff trägt das gegenseitige Erkennen und Anerkennen kultureller Unterschiede in sich, sie zu reflektieren und auf eine leichte und humorvolle Art und Weise zu hinterfragen.

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Bildquellen: Unsplash; CCO-Lizenz

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