„Frauen haben Erektionen“: Gynäkologin Mandy Mangler über Vulva-Mythen

Bis heute fehlt es an Wissen über das weibliche Geschlechtsorgan, sagt die Gynäkologin Mandy Mangler. Im Interview mit dem SZ Magazin spricht sie über die schädlichsten Vulva-Mythen, Sigmund Freuds große Lüge und rät, eine Weile auf Penetration beim Sex zu verzichten.

Viele Menschen würden das weibliche Geschlechtsorgan fälschlicherweise als Vagina bezeichnen. Mandy Mangler betont, dass dieser Begriff die Anatomie der Frau nicht korrekt abbilde. Die Vagina ist nur ein Muskelschlauch, der Vulva und Uterus verbindet. Das eigentliche Geschlechtsorgan der Frau ist die Vulva, die unter anderem die Klitoris, Vulvalippen und einige Drüsen umfasst. Mangler vergleicht es damit, dass man zum männlichen Genital auch nicht Hoden oder Vorhaut sage, sondern Penis.

Historische Fehleinschätzungen

Zu den historischen Vulva-Mythen gehört die Ansicht, das weibliche Geschlechtsorgan ist ein nach innen gestülpter Penis. Daher wurde die Vagina als Äquivalent zum Penis gesehen, was medizinisch falsch ist. Diese Sichtweise hält sich bis heute in vielen Kreisen. Laut Mangler würden heterosexuelle Männer seit Jahrhunderten nicht einsehen wollen, dass Sex mehr sei als nur Penetration. Sie erklärt, dass die Stimulation der Klitoris notwendig sei, um Frauen sexuelle Befriedigung zu verschaffen.

Fehlendes Wissen und veraltete Darstellungen

Zu den häufigsten Vulva-Mythen, der besonders Männer betrifft, gehört das fehlende Wissen, wie die Klitoris richtig aussieht. Das liegt daran, dass die Klitoris und die äußeren Genitalien der Frau sehr lange unerforscht geblieben sind. Die medizinische Wissenschaft sei jahrhundertelang von Männern dominiert gewesen, die ihre eigene Sexualität eher erforscht hätten als die der Frauen, so die Ärztin. In gängigen Fachbüchern fänden sich immer noch inkorrekte oder fehlende Darstellungen der Klitoris.

Erregung und Erektion bei Frauen

Mangler erklärt weiter, dass bei sexueller Erregung die Klitoris anschwelle und sich die Vulva ausdehne. Frauen hätten daher auch eine Erektion. Wenn Frauen keine Lust auf Sex haben, könnten Selbstbefriedigung und Beckenbodentraining helfen, die Lust zu steigern. Sie rät Frauen, ihre Sexualität eine Weile ohne Penetration auszuleben, um herauszufinden, was ihnen gefällt.

Unzufriedenheit mit der Sexualität

In der Gesellschaft heißt es oft, dass Frauen weniger Lust auf Sex hätten. Mangler sieht einen Grund dafür in der Art von Sexualität, die nicht den Wünschen der Frauen entspreche. Millionen Frauen in heterosexuellen Partnerschaften hätten viel Sex, aber nicht den, der sie befriedige. Eine Studie zeigt, dass heterosexuelle Frauen deutlich seltener Orgasmen erleben als Männer. Regelmäßig zum Orgasmus kommen 95 Prozent der heterosexuellen Männer und 86 Prozent der homosexuellen Frauen. Heterosexuelle Frauen liegen mit 65 Prozent auf dem letzten Platz, wobei Mangler persönlich diese Zahl für zu hoch halte. Ein weiteres Ergebnis der Studie besage, dass 95 Prozent der Frauen beim Masturbieren zum Orgasmus kämen, 64 Prozent beim ersten Mal Sex mit einer Frau und nur sieben Prozent beim ersten Mal Sex mit einem Mann. Dies kann auch an der fehlenden Vermittlung anatomischer Kenntnisse liegen.

Bildung als Schlüssel zur Veränderung

Um dieses Wissen zu vermitteln und mit Vulva-Mythen aufzuräumen, muss bereits in der Schule angesetzt werden. In den meisten Biologiebüchern fehlen Abbildungen der Klitoris, und im Unterricht wird konsequent von Vagina gesprochen. Mädchen müssen ihr komplexes Geschlechtsorgan verstehen, damit sie ihre Anatomie nicht nur in sozialen Netzwerken kennenlernen.

Der Mythos des vaginalen Orgasmus

Zum Mythos des vaginalen und klitoralen Orgasmus erklärt Mangler, dass bei jedem Orgasmus die Klitoris beteiligt sei. Sigmund Freud hat die Unterscheidung zwischen vaginalen und klitoralen Orgasmen eingeführt und klitorale Orgasmen als unreif bezeichnet. Diese Ansicht hat sich über Jahrhunderte gehalten und Frauen verunsichert.

Gesundheit der Vulva

Zur Vorsorge für die Vulvagesundheit rät Mangler, für eine ausgewogene Balance des vaginalen und vulvären Mikrobioms zu sorgen. Durch falsche Reinigung, eine nicht-optimale Ernährung oder wechselhafte Sex-Frequenz könnten die guten Bakterien aus dem Gleichgewicht geraten. Eine gesunde Darmflora könne bei der Prävention von Pilzinfektionen helfen. Frauen sollten ihre Vulva nicht mit aggressiven Seifen oder Duschgels reinigen, sondern mit warmem Wasser und milden Seifen.

Schmerzen während der Menstruation

Frauen sollten auch bei starken Periodenschmerzen einen Arzt aufsuchen, da möglicherweise eine Endometriose dahinterstecke. Bei dieser Erkrankung wächst Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Es gibt jedoch Behandlungsmöglichkeiten, um diese Krankheit unter Kontrolle zu kriegen.

Selbstbestimmte Sexualität

Abschließend betont Mangler, dass Frauen ihre Vulva beim Namen nennen und eine selbstbestimmte Sexualität leben sollen. Sie hofft, dass in Zukunft die weibliche Sexualität über die Klitoris erkannt und die Vulva genauso häufig bei Google gesucht wird wie der Penis.

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Bild: Foto von Dainis Graveris via Pexels; CC0-Lizenz