Zum Halbjährigen: Die Generation Praktikum und der Mindestlohn

Zwischenbilanz-Mindestlohn-Gastronomie

„Ich war jung und brauchte das Geld.“ So einige von uns können genau das über ihren letzten, vorletzten und wahrscheinlich auch über den beschissenen Job davor sagen. Was man sich eben alles so antut: Unnötige Flyer verteilen, hässliche Klamotten verkaufen und literweise Kaffee kochen. Im besten Fall ist die Ernte unserer Anstrengungen dann pünktlich zum ersten des neuen Monats auf dem Konto zu bewundern. Die schönen 450 Euro, für die man einige Stunden mehr oder weniger harter Arbeit hinter sich gebracht hat – zu einem manchmal doch recht zweifelhaftem Stundenlohn.

Seit Anfang diesen Jahres hat sich das aber geändert: Mit der deutschlandweiten Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro sind die meisten miesen Aushilfsjobs aufgestiegen – und zwar zu ein ganz klein bisschen weniger miesen Aushilfsjobs. Oder, wie das Arbeitsamt es verniedlichend nennt, zu Minijobbern. Claudia Müller von der deutschen Minijob Zentrale hat im letzten halben Jahr ein großes Interesse der Öffentlichkeit verzeichnet und erzählt mir, dass ihre Zentrale im Moment von Fragen zur Minijobentwicklung regelrecht „bombardiert“ wurde. Kein Wunder, der Mindestlohn ist ein schwer auf den Punkt zu bringendes Thema: Notwendig, aber in der Umsetzung lückenhaft.

 

Studenten können nicht arbeitslos werden (?)

 

Acht Euro und fünfzig Cent – schön und gut. Das Problem an der Sache: Schon im ersten Quartal des neuen Jahres sind 237.000 Jobs einfach verschwunden. Was zunächst nicht heißen muss, dass diese Stellen tatsächlich abgebaut wurden und Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Nein, Arbeitgeber organisieren viele Stellen einfach anders oder machen die anfallenden Aufgaben nun eben gleich selbst, erklärt mir Steffen Henzel vom Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in München. Auffallend ist außerdem das Verschwinden von 450-Euro-Stellen und die gleichbleibende Arbeitslosenquote – Studenten und Rentner können eben nicht arbeitslos werden. Sagt zumindest das Arbeitsamt.

Im Geldbeutel der Studenten sieht das leider ein bisschen anders aus. Die Suche nach Arbeit ist im Laufe des letzten halben Jahres, vor allem in kleineren Studentenstädten, zu einem Problem geworden. Ich spreche mit einer Freundin: Sie lebt in genau so einer von diesen kleineren Städten, die in den Semesterferien wie leergefegt scheinen. Während der Vorlesungszeit hingegen blüht das Leben: Unglaublich viele Studenten und unglaublich wenige Jobs – ist die Kleinstadt doch eigentlich auf weniger Menschen ausgelegt. Sinnbildlich dafür stehen die in den Semesterferien leerstehenden Studentenappartement und die Wochenendheimfahrer.

Dort leben also Studenten in Scharen, die sich um die verbliebenen Jobs reißen, denn nicht jeder möchte in der Gastronomie arbeiten. Und auch dort sind die Stellen heiß begehrt. Sie erzählt mir von ihrem Versuch, eine attraktive Stelle zu bekommen. Hundert Bewerber stehen einer Stelle gegenüber. Einer Gewinnt. 99 verlieren und bleiben arbeitslos – arbeitslos scheint für einen Studenten zwar ein hartes Wort, kommt der Realität aber leider ziemlich nah. Der Mindestlohn hat die Suche nach einem Job, der neben einem Vollzeitstudium zu bewältigen ist, nicht leichter gemacht.

 

Generation Praktikum

 

Ein weiteres großes Kapitel: Die verdammten Praktikumsplätze. Jeder braucht sie, aber kaum einer kann sie sich noch leisten. Und das auf Praktikanten- und auch auf Firmenebene. Einen Vollzeitpraktikanten nach dem Mindestlohn zu bezahlen stellt eine enorme Last, besonders für kleinere Firmen, dar. Die Lösung: Keine Bezahlung und verkürzte Praktikumszeiten, die die Gesetzeslage unbezahlt zulässt. Denn Stellen unter drei Monaten und Pflichtpraktika sind vom Mindestlohngesetz ausgeschlossen. Die Last bleibt also am geplagten Studenten hängen, der es sich aus akademischer und aus finanzieller Sicht leider nicht leisten kann, auf Praktika zu verzichten.

Uns wird also ein ganz schön großer Stein in den Weg gelegt unser generationsspezifisches Merkmal ‚Praktikum‘ weiterhin einzuhalten. Kaum einer kann es sich noch leisten, ein halbes Jahr ohne Einkommen zu leben. Die Überschrift der Zeitung „Die Welt“ zu diesem Thema „So gut verdient die Generation Praktikum“ ist damit also auch ziemlich hinfällig. Denn nur wer überhaupt eine Praktikumsplatz bekommt, verdient gut. Und dieser muss dann natürlich auch auf freiwilliger Basis angetreten werden – ein Problem in Zeiten von überall vorausgesetzter Arbeitserfahrung.

 

Kein Mindestlohn ist auch keine Lösung

 

Natürlich ist der Mindestlohn auch für Arbeitgeber ein großes Thema, denn gute Bezahlung ist wichtig und zufriedene Arbeitskräfte sollten jeder kleinen Bäckerei, aber auch jedem großen Discounter am Herzen liegen. Steffen Henzel erklärt mir, dass der Lohn im Bereich der Geringverdiener im Durchschnitt um 30 Prozent gestiegen ist: von 6,50 auf 8,50. Ein angemessenes Gehalt also. Trotzdem meint er, sei es schwer vorstellbar, dass ein solcher Gehaltsanstieg den Arbeitgeber kalt lässt. Soviel steht fest, einfach mal so 30 Prozent mehr zahlen ist eine Belastung, besonders für kleinere Firmen, die auf die Arbeitskraft von Studenten angewiesen sind.

Im Internet konnten sich Arbeitgeber schon vor Januar diesen Jahres über Tricks, den Mindestlohn zu umgehen, informieren. Die Liste reicht von scheinselbstständigen Angestellten bis zu Vollzeitstellen, die in Teilzeitstellen bei gleicher Arbeitszeit umgewandelt werden. Die Kreativität kennt keine Grenzen. Natürlich versucht nur die Minderheit, die neue Regelung zu umgehen: Ich habe bis Anfang des Jahres noch bei der Kette ‚Kauf Dich Glücklich‚ gearbeitet und Klamotten, Schuhe und Krimskrams unter die Leute gebracht. Dort konnte ich noch ein paar Monate vom neuen Mindestlohn profitieren: Finanziell und gefühlsmäßig. Anerkennung, die man auch auf dem Konto bemerkt, hilft uns dabei, unsere Aufgaben mit mehr Antrieb zu erledigen. Manchmal sind nette Worte und Lob eben nicht genug!

Die Personalchefin von ‚Kauf Dich Glücklich‚ Julia Meese erklärt mir, dass in diesem Fall keine Stellen wegfielen, sondern neue entstanden sind. Durch die 450 Euro Lohngrenze konnten weniger Stunden durch einzelne Angestellte geleistet werden. Die Folge für sie, als Personalchefin: Die Personalkosten steigen extrem an und sind Geld, das an anderer Stelle wieder gespart werden muss. Auch zum Thema Praktikum hat sie leider eine eher ernüchternde Nachricht: „Zum einen müssen wir, wie viele andere Unternehmen auch, einige Praktikantenstellen streichen, zum anderen merke ich aber auch, dass die Qualität der Bewerber nachlässt beziehungsweise ich Kompromisse bei der Auswahl der Praktikanten eingehen muss. Viele Studenten mit Abschluss bewerben sich erst gar nicht und diejenigen, die sich bewerben, kann ich nicht einstellen.“

 

Die Mensch-Maschine

 

Aber wo führt das alles hin? Die logische Konsequenz, mal ganz pragmatisch ausgedrückt: Die Menschen werden von Maschinen ersetzt werden – frei nach dem Youtube-Hit „Der Gerät“. Steffen Henke gibt uns einen Ausblick: „Es dürfte etwa 5 Jahre dauern, bis alle Produktionsprozesse auf ihre Rentabilität überprüft wurden und Umstellungen vorgenommen werden. So wird in Zukunft verstärkt auf Maschinen gesetzt werden – insbesondere im Dienstleistungsbereich, wo geeignete Lösungen vielfach erst noch gefunden werden müssen.“ Und es scheint logisch: Schon jetzt gibt es SB-Kassen im Supermarkt ums Eck und vollautomatische Lager- und Überwachungssysteme sind zur Norm geworden. Dafür braucht man keine teuren Studenten mehr. Maschinen erledigen viele Aufgaben schneller und effizienter. Der Großteil der Auswirkungen des Mindestlohns liegt also noch vor uns und wird so einiges von unserer Anpassungsfähigkeit abverlangen.

Und das vollkommen zurecht: Miese Gehälter, Lohn-Dumping und ausgenutzte Aushilfskräfte gab es im sonst so fortschrittlichen Deutschland sowieso schon viel zu lange. Bei unseren französischen Nachbarn besteht schon seit 1970 eine Mindestlohnregelung, die sicherstellen soll, dass auch Menschen im unteren Lohnbereich am wirtschaftlichen Wachstum der Nation teilhaben können.

Denn eine angemessene Bezahlung steht jedem von uns zu und Arbeit, egal wer sie verrichtet, sollte wertgeschätzt werden. Das Problem an der Sache mit dem Mindestlohn und den verschwindenden Stellen: Keine Arbeit ist auch keine Lösung – irgendwo muss das Geld eben doch herkommen. Man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt.

 

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Bildquelle: Michael Coghlan über CC BY 2.0

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