Eigene Familie, andere Regeln? Was der Spahn-Rücktritt über Doppelmoral und Leihmutterschaft erzählt

Stell dir vor, du hast dich politisch jahrelang gegen etwas positioniert – und nutzt es dann heimlich selbst, weil es dir persönlich weiterhilft.

Genau dieser Vorwurf steht im Zentrum der aktuellen Debatte um Jens Spahn, der als Unionsfraktionschef zurückgetreten ist, nachdem bekannt wurde, dass er über eine Leihmutterschaft in den USA Vater wurde – obwohl er sich zuvor gegen eine Legalisierung von Leihmutterschaft in Deutschland ausgesprochen hatte. Eine aktuelle Bild-Umfrage zeigt eine gespaltene Öffentlichkeit: 41 Prozent halten das deutsche Leihmutterschaftsverbot für falsch, 39 Prozent befürworten es weiterhin, der Rest ist unentschieden. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, ordnet das in Interviews so ein: Wenn man solche Debatten nicht öffentlich führe, bleibe das Problem einfach latent bestehen – und er spricht offen von einer „Doppelmoral der Gesellschaft“.

Worum es wirklich geht

Es wäre zu einfach, das nur als Politiker-Drama abzutun. Die eigentlich interessante Frage dahinter: Wer kann sich Wege zur eigenen Familie leisten, die anderen per Gesetz verboten sind? In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten, in Teilen der USA legal und für viele finanziell nur mit erheblichem Vermögen erreichbar – die Kosten für eine Leihmutterschaft in den USA liegen häufig im hohen sechsstelligen Bereich. Das trifft besonders Menschen, die aus biologischen oder rechtlichen Gründen ohnehin schon eingeschränkte Wege zur eigenen Familie haben – etwa manche queere Paare, bei denen eine eigene Schwangerschaft biologisch ausscheidet, oder Menschen mit Unfruchtbarkeit, für die Adoption ebenfalls mit hohen Hürden verbunden ist.

Eine Klassenfrage, verkleidet als Wertefrage

Wenn ein Verbot nur für die gilt, die sich keine Ausweichmöglichkeit im Ausland leisten können, ist es weniger ein moralisches Prinzip als ein Klassenprivileg. Das entwertet nicht automatisch die Gründe, warum Leihmutterschaft in Deutschland kontrovers diskutiert wird – Fragen von Ausbeutung, Selbstbestimmung der austragenden Person und Kommerzialisierung des Körpers sind real und ernst zu nehmen, gerade weil internationale Leihmutterschaft oft in Ländern mit schwächeren Arbeits- und Gesundheitsschutzstandards stattfindet. Aber es zeigt, wie ungleich Verbote in der Praxis wirken: Wer genug Geld hat, umgeht sie einfach im Ausland, wer es nicht hat, bleibt an sie gebunden.

Was das für die reproduktive Selbstbestimmung bedeutet

Die Debatte reiht sich ein in eine größere Frage, die auch bei Eizellspende, Präimplantationsdiagnostik oder Fruchtbarkeitsbehandlungen immer wieder auftaucht: Wie viel Selbstbestimmung über den eigenen Kinderwunsch erlaubt eine Gesellschaft – und ab wann wird daraus, ökonomisch betrachtet, ein Markt, auf dem sich manche Körper und manche Wünsche mehr leisten können als andere? Das ist kein rein deutsches Phänomen, aber der Spahn-Fall macht es an einer konkreten, öffentlichen Person plötzlich sehr sichtbar, statt es abstrakt zu diskutieren.

Die Doppelmoral, die Frister meint

Wenn Frister von einer „Doppelmoral der Gesellschaft“ spricht, meint er wohl genau diesen Mechanismus: Ein Verbot wird öffentlich verteidigt, während privat längst Wege drumherum gefunden werden, sobald das nötige Geld und die nötigen Kontakte vorhanden sind. Das betrifft nicht nur Spahn – ähnliche Fälle gab es in der Vergangenheit bei anderen Politiker:innen und Prominenten in verschiedenen europäischen Ländern mit ähnlich strengen Verboten. Der Unterschied ist selten die Haltung, sondern der Kontostand.

Was jetzt diskutiert wird

Der Fall dürfte den politischen Druck erhöhen, das Thema neu zu regeln, statt es weiter zu verdrängen – mehrere Stimmen aus Politik und Ethikrat fordern bereits eine sachliche Neubewertung des bestehenden Verbots. Für dich lohnt sich dabei weniger die Frage „Ist Spahn ein Heuchler?“ als die Frage, welche Regeln eigentlich fair für alle wären – nicht nur für die, die sich Ausnahmen leisten können.