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Konstanten im Leben: Danke, dass Du immer gleich bist!

Warum gerade das, was man schon sein ganzes Leben kennt, die Macht hat, alles zum Positiven zu ändern.

Was bringt dich runter, zurück ins Hier und Jetzt? Was kann dich komplett beruhigen, von einer Sekunde zur nächsten? Ist es ein ganz bestimmter Geruch, eine Person, ein Lied oder ein Gegenstand, der aber schon immer da war? 

Wir leben in einer Welt, in der nichts für ewig scheint und sich alles schnell verändert. „Paradoxerweise ist das für viele bereits Routine geworden“, sagt Angelika Doerne. Sie ist Diplom-Psycholog*in und führt eine Praxis für Psychotherapie und Lebensentfaltung in München. „Durchgetaktete Tage, wenig Pausen, Effektivität – das menschliche Gehirn strebt stets nach diesen Routinen, um keine unnötige Kraft für tägliche Entscheidungen aufwenden zu müssen“, erklärt Doerne. „Veränderungen sind es, die uns aus der Routine aufwecken, wiederbeleben und Energie geben.“ 

Die Frage ist also: Was zieht uns aus unserem Hamsterrad aus Stress und Alltag wieder ins Hier und Jetzt? Was erdet uns? Es sind die Konstanten in unserem Leben. Menschen, Orte oder Gerüche, mit denen du etwas verbindest. Und mit denen du gewissen Stillstand oder Voraussagbarkeit assoziierst, die letztlich beruhigen. Ähnlich wie beim Comfort Binge, also wenn man eine alte, vertraute Serie schaut und sich dabei ein angenehmes Gefühl breit macht.

Und wenn man genau hinsieht, findet man im eigenen Leben bestimmt einige Konstanten, derer man sich vielleicht gar nicht bewusst war. 

Da wären zunächst einmal Freunde. Also die Freunde, die man zwar nicht häufig trifft, aber schon sein Leben lang kennt.  Wir sind zusammen um die Wette gekrabbelt, waren gemeinsam im Kindergarten und später haben wir Seite an Seite die Schulbank gedrückt. Diese Menschen sind nicht immer wahnsinnig präsent im Alltag und sie kennen vielleicht auch nicht immer die neusten Geschehnisse. Vielleicht steht man sich auch nicht mehr so nahe, aber wenn man sie sieht oder an sie denkt, geben sie einem ein warmes Gefühl. Eine Erinnerung an unbeschwerte Zeiten und dieses beruhigende Wissen, dass es da draußen Menschen gibt, die dich schon ein Leben lang kennen. 

Auch Wohnungen können solche Konstanten darstellen. Wohnungen von Menschen, die seitdem man sie kennt, nie umgezogen sind. Oder wenn sie umgezogen sind, dann mit kompletter Einrichtung, sodass sich im Grunde wieder nichts verändert hat. Diese Möbel, die Einrichtung, ja sogar der Geruch der Wohnung sind stets gleich. Egal, wie das Leben sich gerade verändert hat. Ob du in einer neuen Stadt lebst, der*die Partner*in oder der Job weg ist. Dieser Ort, an den du zurückkehrst oder den du ab und zu aufsuchst – und da kannst du dir zu 99% sicher sein -, bleibt immer gleich. Für manche mag dieser Ort sogar das eigene Elternhaus sein, das Sofa bei der Großmutter oder eine Ecke hinter dem Haus der Tante. Man muss es sich nur bewusst machen: Wenn es einem schon ganz schwindelig wird vor lauter Veränderungen im Leben, dann kann man sich an diesem Platz – auch in Gedanken – wieder erden. 

Auch Kindergärten und Schulen können solche Orte sein. Nach Jahren wieder besucht, stellt man häufig fest: Es hat sich nichts verändert! Der modrige Geruch der alten Holzmöbel, das Klettergerüst, an dem der Lack längst abgeblättert ist oder die Bäume, die selbst nachdem man weg war, jeden Frühling weiter blühen und jeden Herbst die Blätterpracht zu Boden fallen lassen. Ob die Farben der Wandbemalungen oder die Tischtennisplatten, sofort ist man wieder in diesem Moment und sieht sich als jüngeres Ich im Trubel neben den anderen Kindern.

Konstanten können aber auch Geschmäcker sein. Der Milchreis von Opa oder das Lieblingsgericht, das wir uns immer von der Mutter wünschen. Niemand schafft es den Geschmack und die Würze genauso hinzubekommen wie sie. Der schmeckt nämlich immer gleich.  

Egal ob wir dieses Gefühl der Geborgenheit sehen, riechen, schmecken, hören oder anfassen können: Gerade wenn sich viel verändert – Trennung, Verlust, Kontrollverlust – ist es wunderbar, eine dieser Konstanten bewusst abrufen zu können.

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Bildquellen: Unsplash; CCO-Lizenz

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