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Liebeserklärung: an Prokrastination, die Rettung des Nichtstuns

Warum man viel häufiger Unterhosen sortieren sollte.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

Liebe Prokrastination,

eigentlich sollte es diesen Text überhaupt nicht geben. Ein fertig geschriebener Text über Prokrastination ist so paradox, wie der Schweinebraten in einem Restaurant, das für vegane Ernährung wirbt. Aber so bist du nunmal, ein Paradoxon, ein wandelnder Konjunktiv. Ich könnte, müsste und würde, aber bleibe dennoch liegen. Und genau das ist das Schöne an dir.

 

Ohne dich wäre kein Gefrierschrank abgetaut

Du verdonnerst jedem noch so karrierefixierten Menschen, jeden Überflieger und Astrophysik-Doktoranten zu einer Pause. Niemand kann sich deiner Kraft entziehen, sobald du zuschlägst liegen sie alle da, die sonst so produktiven Menschlein, und starren etwas verloren Löcher in die Wand. Und mal ehrlich, ohne dich würden niemals Fenster geputzt werden. Kein Mensch würde mehr seine Unterhosen nach Farbe sortieren oder den Gefrierschrank abtauen. Chaos würde herrschen ohne dich, Steuererklärungen würden auf einmal rechtzeitig abgegeben werden, landein, landaus stünde alles Kopf. Die Geschwindigkeit des alltäglichen Lebens würde sich verdreifachen. Du drückst auf die Bremse.

 

Der Mensch ist Mensch – keine Maschine

Du sorgst dafür, dass das das Umfeld wieder spannend erscheint, dass der Mensch seine Augen öffnet für all das, was um ihn herum geschieht – und nicht nur seinen Schreibtisch sieht. Nur mit deiner Hilfe bleibt der Mensch Mensch und wird nicht zur Maschine. Ohne dich wären sie alle nutzlos, die Sonntage, die Parkbänke, all die Möglichkeiten, eine Pause zu machen. Sich kurz davon abzulenken, dass die Aufgaben immer nur zunehmen und niemals aufhören, dass man selbst kurz Halt machen muss, wenn man sich nicht verlieren möchte. Wer könnte das schon ohne dich, Prokrastination. Dabei wirst du so oft beschimpft, man belegt Kurse, um dich wegzutherapieren und googelt nach wirksamen Strategien gegen dich. Währenddessen lachst du dir wohl ins Fäustchen, sind dies doch auch alles nur Strategien, die indirekt auf dich zurückgehen. Wer nach Möglichkeiten sucht, um dich zu vermeiden, schreibt trotzdem nicht seine Bachelorarbeit.

 

„Du lebst nur einmal“ ist dir egal

Zeitverschwendung ist das schlimmste Übel unserer Generation, von allen Seiten wird man von Spruchtafeln und Jutebeuteln angeschrien, „You only live once“, „Lebe jeden Tag, als wäre es dein Letzter“ und all die anderen hunderfach wiederholten Weisheiten über die Vergänglichkeit des Seins. Nichts macht mehr Angst, als sein Leben nicht sinnvoll gelebt zu haben, darum hört man beim Wäsche falten Podcasts und nutzt den Weg zur Arbeit bereits, um E-Mails zu beantworten, während man nebenher seinen Kaffee trinkt. Das Nickerchen ist aus dem Wortschatz und dem Bewusstsein verschwunden, man macht einen Power-Nap oder meditiert, jeder einzelne Bereich fällt dem Zwang zum Opfer, perfekt optimiert und genutzt zu werden. Dagegen stellst du dich, liebe Prokrastination, und niemand kann sich wehren. Du und der Kater, ihr gebt der Menschheit Tage zurück, an denen man sich nicht weiter bewegt als von einer Seite des Bettes zur anderen, höchstens noch zum Kühlschrank.

 

Morgen, Morgen, nur nicht heute.

Du zeigst mir, wie effektiv ich doch sein kann, wenn ich Arbeiten dann doch innerhalb von kürzester Zeit schaffe oder mich doch noch dazu aufraffen kann, ein Projekt anzugehen. Letztendlich bist du nicht mehr als der Beweis dafür, dass jeder Einzelne mal eine Pause braucht. Dass der Mensch Nichtstun und Langeweile und Tage braucht, bei denen man rückblickend nicht mal weiß, warum man die Wohnung überhaupt verlassen hat. Und ich weiß, dass ich dich wieder verfluchen werde, wenn die nächste Abgabefrist naht, aber es muss einfach mal gesagt werden – wie schön, dass es dich gibt.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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