DiskussionDozentenHassobjektKommilitonenProfessorenSeminarStudentenStudium

Hassobjekt: Pseudo-intellektuelle Diskussionen in der Uni

Deine Kommilitonen übertrumpfen sich gegenseitig mit unnützen Fremdwörtern und sinnlosen Floskeln? Argh!

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Pseudointellektuelle Diskussionen in der Uni

 

Der Kommilitone gegenüber von mir beugt sich ein bisschen vor und rückt die Fensterglasbrille auf seiner Nase zurecht. „Diskursanalytisch sollten wir das nochmal in den paradigmatischen Kontext einordnen“, sagt er und schaut mit Nachdruck in die Runde. Einige Seminarteilnehmer nicken anerkennend, andere machen schnell Notizen. Das kleine Lächeln auf dem Gesicht des Dozenten sagt: Gott sei Dank, die 27 Jahre im Prekariat der Wissenschaft haben sich ausgezahlt.

Derweil frage ich mich, ob ich die Einzige bin, der auffällt, dass die Brille genauso fake ist, wie der Intellekt ihres Trägers. Er hatte wohl schon wirklich sehr lange nichts mehr gesagt und jetzt musste er echt mal wieder seine Stimme hören. Trotzdem steigt sofort jemand darauf ein – mit einer ähnlich inhaltslosen Worthülse und setzt noch ein Zitat obendrauf. Wow! Herzlichen Glückwunsch, dass du dir genau einen wichtigen Namen aus der Einführungsvorlesung gemerkt hast. Und so geht es weiter. 70 Minuten lang, bis zum Ende des Kurses. Ich rolle soweit mit den Augen, dass ich mein Gehirn sehen müsste.

 

Wissenschaftlich fundiert oder einfach nur elitär?

 

In der Schule haben sie uns vor der Uni gewarnt: „Da ist es nicht mehr so einfach, da müsst ihr euch durchsetzen. Ihr könnt dann nicht mehr einfach nur irgendwas sagen.“ Jaja, genau. Jetzt bin ich hier und umgeben von einem Haufen Speichellecker, die mit Phrasen und Floskeln um sich werfen, um den Prof zu beeindrucken. Ihr elitäres Gequatsche halten sie tatsächlich für wissenschaftlich fundiert. Da haben sie einmal den Grundlagentext zum Termin gelesen und schon finden sie, man sollte ihnen einen Lehrstuhl widmen.

 

Reclam-Hefte just for fun

 

Mr. Fensterglasbrille hat neben seinem Text – mit extra vielen, extra bunten Markierungen – gekonnt ein Reclam-Heft von Theodor Storms Schimmelreiter platziert. „Das lese ich gerade zum Spaß, sehr erholsam nach einem langen Tag in der Bib.“ Klar, das kannst du vielleicht deinen Freunden vom Bücherflohmarkt erzählen. Aber ich weiß doch ganz genau, dass du in Wirklichkeit jeden Namen jedes Big Brother Teilnehmers aller Zeiten auswendig kannst. Und zwar inklusive Platzierung in der jeweiligen Staffel und Anzahl vorangegangener Schönheits-OPs. Außerdem: Habe ich nicht letztens „How it is (wap bap)“ von Youtuberin Bibi auf deinem Handydisplay gesehen? Oh ja, das habe ich. Du kannst noch so viele gelbe Bücher aus dem Regal deiner Eltern klauen und so tun, als würdest du sie lesen. Am Ende des Tages wirst du deine Schwäche für Trash nicht mehr leugnen können. Warum überhaupt?

 

Wovon redet ihr eigentlich?

 

Klar, damit kann man gut vor dem Prof angeben. Der sieht es gerne, wenn jemand mit 10 Büchern in der Hand noch schnell eine Frage stellen möchte. Außerdem kann man so gut theatralisch darin blättern und nach einem Argument suchen, wenn gerade ausnahmsweise mal jemand anders am Reden ist. Dann reden sich alle um Kopf und Kragen und niemand weiß eigentlich so genau, worum es überhaupt geht. Aber hey, Hauptsache ihr könnt diese schwierigen Fremdwörter, die ihr neulich erst gelernt habt, endlich irgendwo unterbringen. Blöd nur, dass ihr so zu Karikaturen eurer selbst werdet.

 

Danke für nichts

 

Ich habe mich sicher nicht durch zwölf Jahre Schule und einen Aufnahmetest gequält, um eurem Geplänkel zu zuhören. Die Diskussion dreht sich im Kreis, ist kein Austausch mehr. Stattdessen möchte jeder Mal das Wort ergreifen und wartet nur geifernd darauf, dass die anderen endlich fertig werden, um dann seinen unüberlegten aber wohlklingenden Senf dazuzugeben.

Bitte lasst das einfach. Die Uni wäre ein so viel besserer Ort, wenn ihr nicht mehr verzweifelt versucht, euch zu profilieren, sondern stattdessen über Trash-TV schnackt. Oder einfach mal die Fresse haltet.

 

Kommentare

  1. Nicht ohne diesen Text gelesen zu haben, sondern im argumentativen Diskurs – unter Berücksichtigung der aufgeworfenen Standpunkte – komme ich nicht umhin, dem grundsätzlich angeschlagenen Tenor inbrünstig zu widersprechen, da die Universität als höhere Schule Hort der Gebildeten sein sollte, um die Gesellschaft intellektuell zu befruchten und nicht um jedem Einzelnen ohne jegliche Veranlagung eine vermeintlich höhere Bildungsstufe zu vermitteln, welche für dessen späteren Werdegang deutlich adäquater durch eine Ausbildung erreicht werden könnte, wobei durchaus zustimmend zu bemerken ist, dass die Verwendung von Printmedien zur reinen Selbstdarstellung lächerlich abstoßend ist, obgleich manch Hochbegabter sich womöglich tatsächlich durch die Auseinandersetzung mit historisch bedeutsamer Literatur entspannt, während es einer breiten Allgemeinbildung und dem humorvollen, wenn auch oberflächlichen, Austausch förderlich ist, der aktuellen multimedialen Entwicklung eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und mithin kein zwingend negativer Widerspruch in der Persönlichkeit eines Menschen durch Blättern in Heften des Reclam-Verlags einerseits sowie Wahrnehmung zeitgenössischer televisionärer Werke andererseits begründet werden kann und letztlich festzustellen ist, dass sich Bildung auch in einem wohlüberlegten Sprachgebrauch manifestieren kann – nicht muss (!) – wodurch dem Gegenüber ein gewisser Respekt zuteilwird, indem man demonstriert, dass die Worte mit Bedacht gewählt wurden und der Artikulation kein impulsiver Drang, überhaupt etwas zur Diskussion beigetragen zu haben, sondern ein tiefer Denkprozess vorausgeht, der trotz allem in Sekundenbruchteilen abgeschlossen ist, weshalb ich konkludierend dafür plädiere, dass ein jeder selbstbestimmt entscheiden sollte, welchen Weg er einschlägt und wie er ihn individuell beschreitet, unabhängig von Präferenzen der Lebensgestaltung oder Selbstdarstellung seiner Kommilitonen; nur sollte niemand überrascht sein, dass das Sprachniveau an Universitäten entsprechend des ständigen Strebens nach mehr Bildung und der historisch bedingten tendenziell kosmopolitischen Ausrichtung entsprechender Institutionen ungleich höher ist als an der Dorfschule in Hinterpusemuckl.

    Oder kurz: was ist das für 1 text vong inhalt her? Lass gymnasten an unität ihr life leben wie sie wollem.

    Rambo Ramon Rainer / Antworten
    • Krazz was du für 1 Satzbau vong Länge her kannsch. Wie lang hans gedauert? Auch fast keine Fehler!

      Carl / Antworten

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren