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„Nachts kommt die Einsamkeit“ – Obdachlosigkeit in Deutschland

Jonas ist 20 Jahre alt und hat kein Dach über dem Kopf. Seit einem Jahr besucht er täglich eine Obdachloseneinrichtung, die von Ehrenamtlichen betreut wird.

Nach seiner Zeit im Heim macht Jonas seinen Hauptschulabschluss und beginnt eine Lehre als Servicefahrer. Er hat eine eigene Wohnung und eine Betreuerin, die ihm hin und wieder bei Amtsgängen hilft. In der Gemeinde des Dorfes spricht sie mit einem sehr guten Freund von Jonas über seine Situation, auch andere Menschen bekommen etwas mit. Persönlichstes und Intimstes aus dem Innenleben des jungen Mannes wird einfach weitergegeben. Aus der Vertrauensperson wird eine Fremde und Jonas beschließt zu gehen. „Im Nachhinein war das vielleicht nicht ganz so schlau.“ Wieder dieses schiefe Grinsen, das nie in den Augen ankommen will. Ein paar kurze Jobs halten den jungen Mann über Wasser, bis sein letzter Arbeitgeber die Firma schließt und Jonas vor dem Nichts steht. In dieser Zeit schläft er schon in der Obdachlosenunterkunft, die sich anfühlt „wie Knast“. Sie öffnet jeden Tag um 17 Uhr und bis 9 Uhr morgens muss man wieder draußen sein. Im Zimmer stehen drei Betten, die sich Jonas mit „einem Alkoholiker und einem älteren Opi“ teilt.

Die Zeit dazwischen, verbringt er in der Begegnungsstätte. Dort sitzt er im Winter jeden Tag 7 Stunden am selben Fleck, gewinnt hin und wieder eine Partie Schach und versucht sich bei der Wahl des Fernsehprogrammes gegen die anderen Anwesenden durchzusetzen. „Ansonsten lese ich in jeder freien Minute, pro Tag schaffe ich an die 900 Seiten.“ Momentan schlägt sich Jonas mit den Behörden herum, versucht Sozialhilfe zu bekommen und einen Job zu finden. In seinem Beruf ist das derzeit schwierig, denn er hat keinen Führerschein mehr. „In einer Woche bin ich durch drei Abstandsmessungen gefahren, war immer zu nah dran und davor wurde ich schon ein paarmal geblitzt.“ Heißt: MPU für ungefähr 400 €. Und das von einem Mann, der keinen Euro für eine warme Mahlzeit aufbringen kann.

Was sein Traumberuf wäre? „Pferdewirt. Das wollte ich schon als kleines Kind immer werden. Wir hatten zuhause Pferde, konnten uns den Unterhalt aber schon bald nicht mehr leisten.“ Bei der Erinnerung an ein besonders treues Tier, das wegen einer Erkrankung erschossen werden musste, blickt Jonas zur Seite. In seinen Augenwinkeln glitzern Tränen.

20 Kilogramm Untergewicht hat ihm der Arzt  vor einiger Zeit bescheinigt. „Darf ich dir heute den Euro für ein ordentliches Essen leihen?“, höre ich mich fragen.  „Klar, aber ich muss erst einmal schauen, was es gibt.“ Über diese schlagfertige Reaktion müssen wir beide herzlich lachen. Den Humor hat er sich definitiv bewahrt – eine starke Leistung in dieser Situation und Hoffnung darauf, dass Jonas seinen Neujahrsvorsatz einhalten kann. „2019 will ich es hier raus schaffen.“ Wieder im Gemeinschaftsraum angekommen blicken wir in randvolle Teller. Irgendein Eintopf denke ich und Jonas meint amüsiert: „Spar dir das Geld lieber.“ Heute wird wohl wieder Suppe gelöffelt.

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