„Nachts kommt die Einsamkeit“ – Obdachlosigkeit in Deutschland

Winter am Fluss

 

„Wir haben auch Kavaliere hier drin, nicht nur Rüpel!“

 

Freitag. Bewaffnet mit Schokokuchen bin ich erneut auf dem Weg zur Obdachloseneinrichtung. Heute ist es nicht mehr ganz so kalt, dafür regnet es. Ich bin früh dran, weil ich heute einmal Zeit finden will, mit denjenigen zu sprechen, die das ganze Projekt ehrenamtlich am Leben halten – Tag für Tag. Mittags läuft außer der stakkatoartigen Essensausgabe gar nichts. Möchte ich also mit den Engeln ohne Flügel (kitschig, aber wahr) sprechen, muss ich früh(er) aufstehen. „Morgen!“ Ich betrete zum dritten Mal in dieser Woche die gemütlichen Räumlichkeiten und stelle meinen Kuchen auf die Theke. Sofort bin ich von drei Frauen umzingelt, die wahlweise das Mittagessen vorbereiten, mir strahlend fürs Kaffeegebäck danken oder sofort beginnen, den mitgebrachten Plastikbehälter für mich zu spülen. „Komm her, das haben wir gleich wieder.“ Oma, bist du’s? Fast. Die kleine, resolute Dame neben mir ist Irmi. Sie ist die gute Seele der Begegnungsstätte und unglaubliche 87 Jahre alt. Jeden Tag, Montag bis Sonntag, ist sie anzutreffen, spült, wischt, putzt und – wie sie mit einem verschmitzten Lächeln über sich selbst sagt – „schimpft und plärrt“.

 

Seit ihr Sohn vor 12 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, nimmt sie sich den Obdachlosen in Regensburg an. „Ich habe ihm damals Geld für das Motorrad gegeben, seine Frau hat es nämlich nicht gewollt. Einen Monat später war er tot…Das habe ich bis heute nicht verwunden.“ Irmi kennt alle, alle kennen Irmi. Jeden Tag nimmt sie den gleichen Bus, dort hat sie nur den Spitznamen „Frau Strohhalm“ – nach der Einrichtung. „Rumsitzen gibt’s nicht, ich brauche etwas zu tun.“ Ein älterer Herr gesellt sich zu uns, der Gründer der Obdachloseneinrichtung. Auch sein Engagement fußt auf tragischen Schicksalsschlägen: „Heute vor 20 Jahren ist meine Frau gestorben, kurz zuvor bei einem Tauchunfall mein Sohn.“ Trotz oder eben gerade wegen der eigenen tragischen Vergangenheit engagieren sich viele Ehrenamtliche heute für die Obdachlosen in Regensburg.

Bevor es für mich wieder nach draußen in die Kälte geht, lege ich einen Jutebeutel auf den Tisch. Ein Geschenk für Jonas. Dort wo er schläft, gibt’s nur Leitungswasser und das trinkt er nicht gern. Ein paar Tage später bekomme ich eine WhatsApp, als Reaktion auf die Tasse und den Tee. „Herzlichen Dank, für alles. Die Pickups waren nochmal eine super Überraschung!“ Gern geschehen.

*Namen von der Redaktion geändert

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Bildquelle: privat

Seit meiner aus jugendlichem Leichtsinn absolvierten Banklehre bin ich auf der stetigen Suche nach einem vom Spießertum befreiten Leben. Im Moment volontiere ich an der Katholischen Journalistenschule ifp und habe damit endlich die Lösung für mein stark ausgeprägtes Kommunikations- und Mitteilungsbedürfnis gefunden. Meinem verschriftlichten losen Mundwerk könnt ihr über diesen Link folgen!