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„Nachts kommt die Einsamkeit“ – Obdachlosigkeit in Deutschland

Jonas ist 20 Jahre alt und hat kein Dach über dem Kopf. Seit einem Jahr besucht er täglich eine Obdachloseneinrichtung, die von Ehrenamtlichen betreut wird.

Mittwoch. Das Thermometer zeigt heute Morgen die rundeste aller Zahlen. Wild tanzende Schneeflocken wirbeln durch die Luft und verschleiern den Blick auf die Steinerne Brücke von Regensburg. Es ist ein eisig kalter Wintertag, schon nach wenigen Metern friere ich, trotz Strumpfhose unter der Jeans. Ich drücke meine Schulterblätter so fest aneinander, dass sie schmerzen. Mein einziger Gedanke: Wann bin ich endlich wieder im Warmen? Ich treffe einen jungen Mann, der gegen solche Lappalien längst unfreiwillig gewappnet ist. In der Begegnungsstätte für Obdachlose finden sich jetzt im Winter täglich ungefähr 70 Menschen ein, um der Kälte zu entfliehen. Denn das Leben auf der Straße lässt nicht nur physisches wie Hände zitternd frieren. Von Einsamkeit, wärmender Gemeinschaft und einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.

 

20 Jahre Leben – 63 Kilogramm Hoffnung

 

„Hi, ich bin der Jonas.“ Knochige Finger drücken mich zur Begrüßung. Der junge Mann vor mir würde mit seinen 1,93 Meter einen guten Basketballspieler abgeben. Wir sitzen uns im Büro der Einrichtung gegenüber und werden immer wieder vom regen Treiben unterbrochen. Full House. Während der frostigen Wintermonate werden die Angebote der Begegnungsstätte besonders dankbar angenommen. Dort finden sich etwas Wärme, eine ordentliche Mahlzeit und liebevolle Ehrenamtliche, die sich den Besuchern annehmen. Ganz nach dem Motto des Vereins: „In Regensburg muss keiner hungern, frieren oder schmutzig sein.“ Ich betrete die Einrichtung heute zum ersten Mal, bin heilfroh, dass es so schön warm ist und überrascht von der Gemütlichkeit der Räume. Farbig gestrichene Wände, alte Schwarzweißfotos von Regensburg und jede Menge Holzmöbel. Mittags gibt es zum Preis von einem Euro eine Mahlzeit, Jonas isst hier jeden Tag einen Teller Suppe: „Der ist umsonst, das gibt’s neben dem normalen Essen.“ Und außerdem? „Nichts. Hin und wieder leiste ich mir nachmittags für 20 Cent eine Tasse Kaffee und ein bisschen Gebäck.“ Alles, was der junge Mann neben mir den ganzen Tag über isst, entspricht in meiner Welt einem nichtigen Amuse-Gueule. Ein Appetithäppchen ja, aber doch kein vollständiges Mittagessen. Woher kommt da nur die Energie? „Von Musik. Ich höre sie immer und überall, das gibt mir Kraft. Außerdem habe ich meinen Körper längst trainiert, das wenige Essen auszuhalten. Effektiv, aber definitiv auch extrem ungesund“, grinst mich Jonas schief an. 63 Kilo Lebensmut trägt der Stuhl mir gegenüber, ein geradezu lächerliches Gewicht für die knapp 2 Meter Körpergröße. Extra weite Klamotten verstecken die sichtbare Armut des jungen Mannes. „Flaschen sammeln oder betteln, das will ich nicht. Mich kennen hier zu viele Menschen und nicht jeder muss wissen, wie es um mich steht.“ Jemand, dessen Vertrauen einmal missbraucht wurde, hat es später schwerer, dieses wieder zu fassen. Als Jonas 7 Jahre jung ist, haut sein Vater ab. Heute ist der Kontakt komplett abgebrochen, klar ist aber: „Ich habe elf Geschwister, 10 Halbgeschwister väterlicherseits, einen Bruder.“ Zuhause funktioniert es nicht, die verschiedenen Charaktere der Familie (Mutter, Stiefvater, Bruder, Jonas) geraten zu oft aneinander. Obwohl seine Mutter bis heute versucht, ihren Jungen wieder zu sich zu holen, verweigert Jonas die Hilfe strikt und lebt lieber auf der Straße. Mit 13 Jahren geht es ins Heim in Regensburg. Das Alleinsein kennt der junge Mann seit dieser Zeit nicht mehr. „Im Heim hast du zwar dein eigenes Zimmer, aber es kann zu jeder Zeit jemand rein und hier in der Begegnungsstätte bin ich jetzt eben auch nie allein. Da gewöhnt man sich dran und irgendwann mag man es auch nur noch in Gesellschaft.“

 

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