Wendy-Syndrom: Wenn Frauen zu selbstlos sind

Frau macht Bett

Beinahe jede*r kennt die Kindergeschichten rund um Peter Pan, das Kind, das nie erwachsen wird. Trotz allem Erfolg ist es fraglich, ob Autor James M. Barrie damit gerechnet hätte, dass ausgerechnet zwei seiner Charaktere als Symbol für Verhaltensstörungen verwendet werden. Während wir bereits in einem früheren Artikel über das Peter-Pan-Syndrom berichtet haben, welches überwiegend Männer betrifft, soll es hier um das Wendy-Syndrom gehen.

Was hinter dem Begriff steckt, lässt sich am anschaulichsten erklären, wenn man Barries Werk selbst heranzieht. Wendy ist die ältere Schwester von Peter Pan, die gebeten wurde, in das fiktive Reich „Nimmerland“ zu reisen, um sich dort um die verlorenen Jungen zu kümmern. Im Land, in dem Kinder nicht erwachsen werden, übernimmt die selbst noch nicht erwachsene Wendy die Rolle der Mutter und sorgt für Essen und saubere Wäsche. Inspiriert von dieser Rolle schrieb der Familientherapeut Dan Riley in seinem Anfang der 1980er-Jahre erschienenen Ratgeber „Peter-Pan-Syndrom: Männer, die nie erwachsen werden“ auch erstmals vom Wendy-Syndrom. Das Wendy-Syndrom umschreibt das extreme Verhalten von (überwiegend) Frauen, alle Aufgaben zu übernehmen und für alles die Verantwortung zu tragen. Auch wenn das Verhalten oft krankhafte Züge hat, wird es aus psychologischer Sicht als Verhaltensweise und nicht als Krankheit bezeichnet. 

Das Wendy-Syndrom in der Praxis

In unserer echten Welt lässt sich das Wendy-Syndrom in den meisten Fällen bei Frauen in einer Beziehung beobachten. Wenngleich noch nicht so viel über diese Verhaltensweise bekannt ist, so kann man davon ausgehen, dass ein geringes Selbstwertgefühl die Ursache ist. Um den eigenen Wert zu beweisen und sich bestätigt und gebraucht zu fühlen, umsorgen Wendy-Frauen ihre(n) Partner*in in übermäßigen Maße. Was auf den ersten Blick beachtenswert und selbstlos wirken mag, kann schnell zur Gefahr werden. Durch den Drang, sich um alles zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen, vergessen Betroffene das eigene Leben. Sie vernachlässigen eigene Träume, Hobbys sowie Freunde und achten nicht auf ihre Gesundheit. Vor allem Letzteres kann durchaus Probleme mit sich bringen: Mögliche Folgen sind Übermüdung, Frust und in extremen Fällen sogar Depressionen. Selbst wenn Wendy-Frauen mit der Zeit merken, wie sie ihr eigenes Leben hergegeben haben, fällt es ihnen schwer, von diesem Verhaltensmuster wegzukommen – zu groß ist die Angst, zurückgewiesen zu werden und alleine dazustehen. 

Was tun gegen das Wendy-Syndrom?

Hier hilft wohl das alte Sprichwort: „Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“. Intensive Gespräche mit Freund*innen oder im besten Fall mit Therapeut*innen können dabei helfen, dass Wendy-Verhalten zu überwinden. Langfristiges Ziel dieser Gespräche ist unter anderem auch, das geringe Selbstwertgefühl von Betroffenen wieder zu steigern. Mit mehr Selbstwertgefühl ist es für Wendy-Frauen deutlich einfacher, dem Drang gebraucht zu werden und immer Verantwortung zu übernehmen, zu widerstehen. Unter Umständen kann auch eine Trennung von dem/der eigenen Partner*in notwendig sein. Aufgrund ihrer selbstlose Art besitzen Wendy-Frauen (leider) die Eigenschaft, Peter-Pan-Männer magisch anzuziehen. Durch ihre kindliche und unverantwortliche Natur befeuern solche Partner nur die Intensität des Wendy-Syndroms. 

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Bildquelle: Volha Flaxeco auf Unsplash; CC0-Lizenz

Fußballfan mit musikalischer Dauerbeschallung, wenn nicht gerade selbst am Klavier oder der Gitarre. Eigentlich ein geselliger Typ, der aktuell aber auch seine Liebe für Bücher und exzessiven Netflix-Konsum entdeckt.