Unengagiert und politikverdrossen? Von wegen!

Petitionen Uni Studenten

Von Ramona Drosner

Materialismus schlägt die Politik – im Lebensentwurf der jungen Denker steht es Schach matt: Das junge Deutschland steht mit dem Rücken zur Politik. Der Siegerblick ist auf sein Ego gerichtet, das Herz schlägt für die Karriere. So die Statistik und das Bild der Bundesregierung über uns Studenten. Doch Stimmt das? Müssen wir – nur weil es früher so war – auf die Straße gehen, um Haltung zu zeigen?

Nein, denn der Handlungsspielraum hat sich ausgeweitet. Von Demonstrationen auf dem Marktplatz, ins Getümmel der virtuellen Welt. Das Podium für die heutige Bürgermeinung ist die Online-Petition. Dort wird nicht nur das Parlament hart angeredet, sondern auch die Gesellschaft zum Umdenken aufgerufen.

 

Von erlebter Ungerechtigkeit zum politischen Bewusstsein

 

„Sie haben eine politische Strahlwirkung“, sagt Constantin Grosch über den Vorteil von Online-Petitionen gegenüber alter Methoden. Der 22-Jährige hat aus eigener Betroffenheit, seine Meinung ins Netz gestellt. Er wollte darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr als 2.600 Euro auf dem Konto haben dürfen – Sparen sei da Fehlanzeige. Seiner Meinung, das zeigt die Unterschriftenliste, sind auch mehr als 133.000 andere Nutzer. Heute, zwei Jahre später, wird über seine Forderung auf Bundesebene debattiert.

Grosch ist sich sicher, dass junge Leute eine Meinung haben und nicht unbedingt unpolitisch sind. „Sie äußern sie vielleicht nur nicht richtig.“ Der einfache Klick für eine Petition nutze da schon etwas. Erst durch seine Aktion auf change.org sei auch sein Bewusstsein größer geworden. Dass es vielen Nutzern auch so geht, macht er daran fest, dass sie die soeben unterschriebene Petition, in den sozialen Netzwerken weiter teilen: „Dann wird man zum politischen Botschafter – man muss plötzlich tätig werden und für die Petition argumentieren.“ Aus einer Unterschrift entsteht eine Haltung des Einzelnen.

 

Jung und gut vernetzt

 

Natürlich sind die jeweils über drei Millionen Nutzer, die sich auf change.org und openPetition.de tummeln, nicht alle Studenten. Nach Angaben von change.org und openPetition.de, ist auf den Plattformen die gesamte Bevölkerungsstruktur vertreten. Doch die Jungen seien besonders gut darin, ihre Freunde über Social Media zu mobilisieren, meint Jeannette Gusko, von change.org. Die digitale Vernetzung kommt den Meinungsmachern zu Gute, dem stimmt auch Fritz Schadow von openPetition.de zu. Dadurch könnten die Gleichgesinnten auch über die Petition hinaus aktiv werden: „Online-Petitionen können somit der Kristallisationspunkt für wirkungsvolles gemeinsames Handeln sein.“

Das gemeinsame Handeln über die Unterschriftensammlung hinaus, findet auch Ali Jelveh wichtig. Er sieht eine Petition nur als Eintrittskarte für Aktion im echten Leben. Der 34-Jährige wünscht sich, dass „jeder Bürger ein Teil der digitalen Infrastruktur besitzt“ und macht sich unter dem Hashtag #freeyourdata, für einen transparenten Datenverkehr stark. Mit 100.000 Unterschriften, also in etwa mit der Stimme einer deutschen Kleinstadt, will er dem EU-Parlament zeigen, dass sein Thema Relevanz hat. „Man muss auch danach dran bleiben“, sagt der Softwareentwickler, dann erst werde die Petition zu einem demokratiefördernden Mittel.

 

Online-Petition: der Demonstrationszug der jungen Generation

 

Die Meinung der jungen Generation ist folglich da, sie findet sich im Internet. Das Bild der Älteren, Ärger gehöre mit Schildern und Transparenten auf die Straße, ist veraltet. Constantin Grosch fragt sich, was für ein Anspruch an die jungen Menschen gestellt wird. „Muss man sich denn in politische und gesetzliche Wege eindenken – reicht der Meinungsbildungsprozess nicht aus?“ Vielleicht müsste sich die Bundesregierung mit ihrer Statistik im Gegenzug mehr in die virtuelle Welt eindenken. Denn dort ist das Versteck der jungen Generation für gesellschaftliche Solidarität, ihr Raum für politische Haltung.

 

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Bildquelle: University of Salford Press Office unter cc by-sa 2.0

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