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Nach dem Urlaub kam das Reisen: Das Phänomen ‚Post Tourism‘

Das Reisen verändert sich, weil wir uns verändern. Die Rede ist vom Post Tourism, einem Trend abseits des Massentourismus. Vorzeigeschauplatz: Berlin.

In Paris ist es der Eiffelturm, in New York das Empire State Building und in Peking die Verbotene Stadt. Mindestens. Jede Metropole, aber auch jede popelige Kleinstadt hat ihr Wahrzeichen zu bieten. Das, wohin sie alle pilgern, in ihren ausgelatschten Sandalen, allen voran die Selfie-Stick-Kandidaten, sie wollen die großen Sehenswürdigkeiten sehen, verwackelte Schnappschüsse schießen, um dann direkt zum nächsten Highlight des Urlaubs überzugehen.

Die Rede ist vom Mainstream-Tourismus. Doch während man nach wie vor am Taj Mahal oder am Eingang vom Vatikan Schlange steht, formt sich eine neue Gruppe Reisender: Der Post Tourist ist geboren – und er kann mindestens genauso nerven wie die Kandidaten mit der Bauchtasche.

 

Sag mir, wie du reist und ich sag dir, wer du bist…

 

Vertreter des Post Tourism sind oftmals die, die von anderen in die Oberkategorien Hipster (meist zu sehen in Städten) oder Hippies (meist zu sehen in ländlichen Gebieten) gepackt werden. Traveller, die abseits der fest getrampelten Touristenpfade wandern wollen. Diejenigen, die auf das große Ganze scheißen, wenn sie einen kleinen Moment Authentizität mit den Locals vor Ort erfahren dürfen.

Die Standardpanik, die dabei alle verbindet: „Das ist aber kein Touri-Hot-Spot, oder?“, wahlweise auch der gut gemeinte Insidertipp: „Nein, geh zu dem einheimischen Markt, da entkommst du dem Tourismuspreis.“ Tourismuswhat? Ja, eben, wenn man mit Reiseleitung unterwegs ist, bekommt man oftmals gar nicht mit, dass es in Restaurants zwei verschiedene Karten und auf Märkten Preiskategorien gibt, die sich nach der eigenen Herkunft richten. Das wissen sie, die Post Tourists. Wie kommt’s?

Nach dem Urlaub kam das Reisen. In der global vernetzen Welt, in der wir leben und erkannt haben, dass das Wegfliegen auch billig geht, reisen mittlerweile alle. Gerade Deutsche sind immer wieder vorne mit dabei, sie werden oftmals als die „Weltmeister im Reisen“ betitelt und geben extrem viel für ihre Auszeit aus.

Doch mittlerweile scheint es so, als sei da einfach mehr, vor allem innerhalb der jungen Generation. Der Big Ben reicht schon lange nicht mehr, die lokal geführte Street-Art-Tour durch East London muss es sein. Dabei geht es den meisten um die Suche nach Momentaufnahmen, den Austausch mit Einheimischen, das Entdecken geheimster Lagunen-Geheimspots, so abgelegen, dass der Tipp gar nicht im Reiseführer stehen kann. Noch nicht.

Gründe für diesen Wandel gibt es viele. Die einen möchten einfach nicht von Touristengruppen überrannt werden und an Aussichtsplattformen Schlange stehen müssen. Sie möchten tun und lassen, was sie wollen, wann sie wollen. Den Zeitplan gibt es nicht, zumindest wird er nicht von außen vorgegeben. Die anderen sind Untergebene der eigenen Selbstdarstellung. Sie lieben es, mit ihren Individualreisen anzugeben und die Augenbrauen hochzuziehen, während sie klugscheißen wie „Du warst in Indien, aber nicht in Hampi?“ Noch mehr lieben sie natürlich die Reaktion der meisten darauf: „What the fuck is Hampi?“

 

Ein neuer Lifestyle muss her

 

Auch gibt es diejenigen, die ununterbrochen unterwegs sind. Menschen ohne festen Wohnsitz, bei denen das Reisen ein normaler Dauerzustand wird, der sich nicht verträgt mit strömendem Massentourismus. Sie wollen untertauchen und zu Locals werden, sie werden in kleineren Orten mittlerweile auf der Straße begrüßt und treffen sich weltweit mit anderen, denen es genauso geht. Die Rede ist von digitalen Nomaden, eine Berufsbezeichnung, die für viele noch sehr frisch scheint. Dahinter verbirgt sich jedoch schlichtweg die Lebensart, von überall aus arbeiten zu können – der Beruf im portablen Notebook, das ist alles. Und es reicht. Noch nie war es so einfach, als Programmierer, Fotograf, Webdesigner, Texter oder in einem ganz anderen Job, der sich über das Internet erledigen lässt, ortsunabhängig zu arbeiten.

Eine von ihnen ist Theresa Lachner, Journalistin. Seit kurzem ist ihr Blogprojekt Lvstprinzip online, seit 2012 arbeitet sie ortsunabhängig und war seitdem in über 20 verschiedenen Ländern unterwegs. Sie spürt den Trend des Post Tourism deutlich:

„Diese ewige Suche nach dem ach so „Authentischen“ treibt manchmal sehr komische Blüten. Alles muss immer irgendwie abgeschrabbelt sein. Wie eine Freundin neulich in einer Münchner Bar meinte: ‚Nur weil du drei Sperrmüllsofas reinstellst, ist es noch lange nicht Berlin!’“

Die digitale Nomadin spricht sich dafür aus, dass die Suche nach dem Richtigen, Wahren und Echten genauso schwachsinnig sei, wie stumpf alle Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten. „Schlussendlich ist alles authentisch, egal wo du bist und was du da machst.“

 

Berlin: Die Hochburg des Phänomens

 

Erst kürzlich hat das New York Magazine Berlin als „Europas Hauptstadt in Sachen Post Touristen“ betitelt. Berlin sei eine der am schnellsten wachsenden Tourismusattraktionen in Europa. Die ganze Stadt bekommt täglich Zulauf an Urlaubern, Reisenden, Menschen, die ein bisschen bleiben, Menschen, die hängen bleiben, manchmal für immer oder zumindest für sehr lange.

Die Grenzen von Reisen und Stillstehen verwischen hier, die Mischung aus multikulturellen Abstammungen ist seit Jahren ein eigenes Wahrzeichen der Stadt. Gibt es vielleicht genau deswegen immer mehr neue Hot Spots, die viel attraktiver scheinen als eine Fahrt ans Brandenburger Tor? Johannes Novy, Stadtplaner am BTU Cottbus-Senftenberg hat gegenüber dem New York Magazine einen sehr nachvollziehbaren Ansatz bereitgehalten. Laut ihm stehe die Vorstellung des Post Tourism nicht für einen Wandel in der Art wie wir reisen, sondern mehr in der Art, wie wir über das Reisen denken. Vor allem zeige es auch, wie Technologie und erhöhte Mobilität geholfen haben, Kategorien wie „Arbeit“, „Urlaub“, „Einheimische“ und „Besucher“ zu verwischen. Ein Ansatz, der das ortsunabhängige Arbeiten der digitalen Nomaden unterstreicht.

Lachner, die derzeit in Berlin weilt, macht allerdings auch auf die Probleme der Entwicklung in der Großstadt aufmerksam: „Berlin erlebt eine ‚Airb’n’b-sierung‘ mancher Stadtteile, wo es kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt, weil es für Vermieter einfach rentabler ist, tageweise an Touristen zu vermieten.“

Hinter dem Phänomen steckt also vor allem auch die Jagd nach Individualität, wenn man den Hype darum betrachtet, die Wohnung eines Fremden der Hotelkette vorzuziehen, um sich auf Reisen wie ein Einheimischer fühlen zu können. Schon immer wollen wir höher, schneller, weiter, erste sein. Lachner unterstreicht diese These ebenfalls: „Wir haben alle ein natürliches Abgrenzungsbedürfnis, egal ob auf Reisen oder im normalen Leben. In jedem von uns schlummert ein Entdecker, der die beste Tapas-Bar und die ultimative Underground-Party gesehen haben will. ‚Da kommt sonst kaum ein Touri hin‘ ist das ultimative Gütesiegel, Authentizitäts-approved.“

Dass die einen also Organisatoren des kleinen Street-Food-Markets sind und die anderen das Brandenburger Tor umrunden, ist nur ein Zeichen dafür, dass wir uns ständig entwickeln, auch im Bezug auf unsere Vorstellungen vom Reisen. Das Herausstechen aus dem Einheitsbrei. Fragt sich nur, was passiert, wenn die neuen und hippen Adressen ebenfalls überlaufen sein werden und sich damit der Kreis der Massenhysterie lediglich erweitert hat.

 

Same same but different

 

Kürzlich war ich in Mauritius. Mit einem Freund, der Tauchlehrer in einem Luxushotel ist, habe ich einen Tauchkurs gemacht und bin dort mit einem jungen Franzosen ins Gespräch bekommen. Er sagte mir, dass er das Hotel toll fände, aber vom Strand nicht ganz überzeugt sei. Es platzte sofort aus mir heraus, dass die Buchten ein paar Kilometer südlich wunderschön und nicht überlaufen seien. Daraufhin erntete ich einen verwirrten Blick. Abseits vom Hotel? Eine fast unvorstellbare Tatsache.

Vielleicht wird es sie doch immer geben, die Urlauber vom Strandabschnitt All-Inclusive. Und vielleicht sind die Post Tourists einfach nur diejenigen, die das, was ihnen nicht passt, passend machen.

 

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Bildquelle: rajarshi MITRA (flickr) via CC2.0-Lizenz

Kommentare

  1. Vielen Dank für den letzten Satz!
    „Und vielleicht sind die Post Tourists einfach nur diejenigen, die das, was ihnen nicht passt, passend machen.“
    Das bringt es doch ganz gut auf den Punkt. Klar ist es mittlerweile schon einigermaßen Mainstream Anti-Mainstream zu sein, was demzufolge von vielen als Hipster² bezeichnet wird, aber prinzipiell geh es ja eigentlich doch nur darum die von der Gesellschaft festgelegten Normen zu brechen, weil man sich selbst einfach nicht darin wiederfindet – und nicht darum herausstechend „anders“ zu sein. Was nicht passt, wird passend gemacht. »Normal kann jeder« sag ich immer und leb‘ danach. :)

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