Sapiosexualität: Ist schlau das neue sexy?

Mein allererster Girl Crush war definitiv Hermine Granger. Wahrscheinlich, weil ich mich so gut mit ihr identifizieren konnte – Klugscheißen war schon als Kind voll mein Ding. Und Hermine hatte das Klugscheißen perfektioniert. Are you sure that’s a real spell? It’s not very good, is it. Da war es auch egal, dass sie nervtötend brav und ansonsten ziemlich arrogant war – allein ihr überragender Intellekt reichte aus, um in mir den frühkindlichen (und ziemlich weirden) Wunsch auszulösen, mit ihr eine Freundschaft fürs Leben zu beginnen.

Intelligenz zieht an, darin besteht kein Zweifel. Einige der berühmtesten Freundschaften der Geschichte basierten auf regem Gedankenaustausch und hitzigen Diskussionen. Goethe und Schiller, Fitzgerald und Hemingway, Freud und Jung – große Geister haben schon seit Jahrhunderten zueinander gefunden. Zwar ist es nicht bekannt, unter welchen Bedingungen Intelligenz als Selektionsfaktor bei der Freundeswahl wirksam wird; trotzdem gilt auch hier die alte Regel „Gleich und Gleich gesellt sich gern“.

 

„Sorry, ich bin sapiosexuell!“

 

Dass sich das Ganze auch auf amouröser Ebene ausleben lässt, verwundert daher wenig. Wer zur Zeit auf Tinder herumwischt, findet immer mehr Profile mit der Selbstbeschreibung „sapiosexuell“. Das Wort setzt sich aus den lateinischen Wörtern „sapere“ (wissen) und „sexus“ (Geschlecht) zuammen und bedeutet in etwa: Intelligenz ist mir wichtiger als das Aussehen. Nette Geste in dieser oberflächlichen Dating-App-Zeit, oder? „Intelligenz ist attraktiv, weil sie verspricht, dass jemand Ressourcen hat und auch auf lange Sicht eine interessante Perspektive bietet“, so der Sexualtherapeut Ulrich Clement im ZEIT Magazin. Entwickelt sich da vielleicht gerade ein Gegentrend zur aktuellen Klick-dann-Fick-Kultur? Oder ist diese Sapiosexualität nur eine neue Ausrede für alle, die ihre begrenzte Lebenszeit nicht mehr mit Hohlbroten vergeuden wollen? So nach dem Motto: „Ey Schnecke, Bock auf Netflix und Chill?“ „Sorry, ich bin leider sapiosexuell!“

Es soll sogar Menschen geben, die von Intelligenz tatsächlich sexuell erregt werden. „Es gibt in der Sexualforschung selten etwas, das ich für ausgeschlossen halte. Aber auch wenn die körperliche Erregung kein typisches Indiz ist, kann man nicht abstreiten, dass Intelligenz im Zwischengeschlechtlichen ein Werbefaktor ist“, sagt Clement. Schlau sein sei schon immer sexy gewesen – das gelte zumindest für die Herren der Schöpfung. Laut einer Studie des Evolutionspsychologen Geoffrey Miller korreliert der IQ eines Mannes mit der Qualität seines Spermas. Millers Fazit: Männer haben nur deswegen Humor und Intellekt ausgebildet, um auf die Qualität ihres Spermas hinzuweisen.

 

Darf’s ein bisschen weniger intelligent sein?

 

Harter Tobak – auf der anderen Seite kommen Frauen in dieser Sache auch nicht besser weg. „Für Männer scheint es – zumindest erotisch – nichts herzugeben, eine Frau für ihre Intelligenz zu bewundern“, so Ulrich Clement. Die Konstellation intelligenter Mann/weniger intelligente Frau finde man in Beziehungen weitaus öfter vor als die umgekehrte Variante. „Fragen Sie mal in Ihrem Bekanntenkreis: Kannst du dir vorstellen, einen weniger klugen Partner attraktiv zu finden? Die meisten Männer stimmen zu, und die meisten Frauen lehnen dankend ab. Fragen Sie hingegen: Findest du es attraktiv, wenn dein Partner klüger ist?  Dann ist es genau umgekehrt.“ Diese Behauptung wird auch durch die Online-Enzyklopädie für Psychologie und Pädagogik gestützt: „Nach ersten Studien bekennen sich weit mehr Frauen als Männer zur Sapiosexualität.“

Marc Messer ist Pressesprecher des Hochbegabten-Netzwerkes Mensa in Deutschland e.V., hat einen IQ über 149 und hält den ganzen Sapiosexualitäts-Trend für Schwachsinn. „Das klingt für mich eher wie ein Sub-Dom-Fetisch, dass eine solche Person sich unterlegen fühlen möchte.“, sagte er im Juni gegenüber der WELT. „Wenn der IQ allein eine solche Anziehungskraft hätte, dann müsste er messbar oder für potenzielle Partner fühlbar sein. So wie andere Attribute eben sichtbar, fühlbar und quantifizierbar sind. In dieser Welt würden in der Schule beispielsweise nicht die Sportskanonen die meisten Freunde haben, sondern die, die so gut in Mathe, Physik und Latein und allem anderen sind. Wir alle wissen, das dies so nicht ist. Also ist dieser Begriff der Sapiosexualität in meinen Augen ein Kunstbegriff, der so nicht zum Tragen kommt.“

 

Alle mal nach links wischen

 

Ein Kunstbegriff, der prophylaktisch verwendet wird, um sich selbst nicht als oberflächliches Arschloch zu präsentieren? Ansonsten müsste ja jeder, der auf Tinder, Lovoo oder OKCupid unterwegs ist und sich als sapiosexuell bezeichnet, grundsätzlich nach links wischen. jetzt.de fasst zusammen: „Das klingt aber so unwahrscheinlich, dass man ganz automatisch zu dem Gedanken kommen muss: Diese ganze angebliche Sapiosexualität ist nur ein Feigenblatt, das sich Hipstermenschen auf ihr Dating-Profil klatschen, um tiefsinnig zu wirken.“

Dass manche Menschen Intelligenz attraktiver finden als andere, sei hier ganz unbestritten. Es ist ja auch etwas sehr Schönes, sich mit seinem Gegenüber über tiefsinnigere Dinge als die letzte How I Met Your Mother-Staffel unterhalten zu können. Allerdings lehne ich mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass die wenigsten „sapiosexuellen“ Dating-App-Nutzer tatsächlich nach links wischen würden, wenn ihr Match aussieht wie Steve Buscemi, dafür aber drei Doktortitel in Quantenphysik hat.

Übrigens: Die kluge Hermine hat am Ende ja doch Ron geheiratet, obwohl der sicher nicht die hellste Kerze auf der Torte war. Die Liebe macht eben, was sie will.

 

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Titelbild: Hieu Le via CC0 1.0

Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.