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Schauspielschule: “Der Stuhl hat ja mehr Energie als Sie!”

Die Aufnahmeprüfung der Schauspielschule ist Himmel und Hölle zugleich. Unser Autor über das Scheitern, aberwitzige Konkurrenten und die ehrliche Tipps fürs Vorsprechen:

Von Manuel Ostwald

Es ist ein Montagmorgen vor drei Jahren in Hamburg. Ich trete zu meiner ersten Schauspielaufnahmeprüfung an. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt, aber probieren kann ich es ja mal. Je näher ich der Hochschule für Musik und Theater komme, desto mehr Leute sehe ich, die unsicheren Schrittes meine Laufrichtung teilen. Vor der verschlossenen Eingangstür hat sich bereits eine Bewerbertraube gebildet, manche sind mit großen Reisekoffern da. Semibequeme Nächte in Zügen oder auf Couches zeichnen sich in die Gesichter. Aber irgendwie scheinen sich alle ein bisschen vertraut – es wirkt fast wie ein Klassentreffen: „Du warst auch in Berlin, richtig?“ „Wir kennen uns doch aus Wien!“ „Wir sind grade zusammen aus Hannover hierher gekommen oder?“ und „Heeeeeeeeeeey, Digga!“

Um mein eigenes Scheitern vorwegzunehmen: Nach stundenlanger Anfahrt, zwei Stunden Aufregung und zehn Minuten Vorsprechen durfte ich nach einem schlichten, aber deutlichen Kopfschütteln den Heimweg antreten. Was ich trotz Absage mitgenommen habe? Erinnerungen an den Typ, der gelassen auf seinem Stuhl hängt, schon in zwei Fernsehwerbungen für Tiefkühlprodukte mitgespielt hat (war es Iglo?) und lässig anmerkt: „Ich bin eigentlich an dem Punkt, wo die Dudes sind, wenn sie hier ihren Abschluss machen. Ich bin nur zum Spaß hier.“ Oder an den Typ, der vor seinem Vorsprechen in die Alster springt, nass und dreckig wieder hereinkommt, kniebeugend den Holzfussboden unter Wasser setzt und voller Motivation vor die Prüfungskommission stolpert. Method Acting halt. Nicht sehr effektiv. Auch schön war der Typ, der ständig meinte, dass er es sowieso nicht schafft und der sich später gefreut hat, weil er durch sein frühes Ausscheiden seinen Zug nicht umbuchen muss. Und es gibt immer dieses eine stille Mädchen, das keiner so recht auf dem Zettel hat – das aber am Ende als einzige von uns in die nächste Runde kommt.

 

Fünfzehn Vorsprechen sind völlig normal

 

Schauspielaufnahmeprüfungen sind wahrlich eine kleine Welt für sich. Wer einmal sein Glück versuchen möchte und sich ins Vorsprechen mit zum Teil 800 Mitbewerbern stürzt, merkt schnell, dass er sich in einem ganz eigenen Kosmos bewegt. Mittlerweile habe ich es aufgegeben. Aber heute verschlägt es mich doch noch einmal in eine Schauspielschule: Nicht zum Vorsprechen, sondern um mit jemanden zu reden, der es tatsächlich geschafft hat: Mein Kumpel Laurenz ist 22 Jahre alt und hat insgesamt neun Mal vorgesprochen, bis er einen der begehrten Plätze in Stuttgart bekam. Neun Vorsprechen erscheinen vielleicht viel… aber Legenden ranken sich um eine Bewerberin, die es nach insgesamt 40 Anläufen geschafft erst hat. Fünfzehn Vorsprechen seien aber in jedem Fall völlig normal, meint Laurenz. Wenn er an sein erstes Vorsprechen denkt, erinnert er sich, dass er eigentlich nichts anderes als Texte auswendig lernen getan hat.

Beim letzten (erfolgreichen) Vorsprechen setzte er sich hingegen ein ganzes Wochenende mit einem befreundeten Regisseur zusammen, um seine Rolle ganz und gar zu verstehen und auszuarbeiten. Ein Erfolgsrezept gäbe es zwar nicht, aber immerhin ein paar hilfreiche Tipps. „Wie ich diese Floskel gehasst habe, aber es ist was dran“, sagt Laurenz, bevor er sämtliche Prüfer deutscher Schauspielschulen zitiert: „Wir möchten etwas von Ihnen sehen! Zeigen Sie uns, wer Sie sind.“ Auf jeden Fall macht es auch Sinn, sich durch verschiedenste Dramen zu lesen und seine Rollen wirklich bewusst auszuwählen. Laurenz wählte für sich zum Beispiel den Cyrano de Bergerac (Edmond Rostand, 1897). „Der leidet unter seiner riesigen Nase. Von den Frauen wird er eher gefriendzoned“, beschreibt er mir die Rolle mit seinem zeitgemäßem Hintergrund. Die tollste Rolle hilft nichts, wenn man nichts von sich in ihr wiederfindet!

 

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