Sleepmaxxing: Der TikTok-Trend, der aus Schlaf eine Leistungssportart macht

Kennst du diese Videos, in denen sich jemand vor dem Schlafengehen den Mund zuklebt, Nasenstrips auf die Nase klebt und nebenbei noch die perfekte Raumtemperatur per App überwacht? Willkommen bei Sleepmaxxing – einem TikTok-Trend, der ausgerechnet Schlaf zum nächsten Selbstoptimierungsprojekt macht.

Was hinter Sleepmaxxing steckt

Unter dem Hashtag #Sleepmaxxing sammeln sich unterschiedlichste Methoden, die besseren Schlaf versprechen. Manche davon sind ziemlich unspektakulär: regelmäßige Schlafenszeiten, weniger Bildschirmlicht am Abend oder ein möglichst dunkles Schlafzimmer. Andere gehen deutlich weiter – etwa Mouth Taping, also das Zukleben des Mundes während des Schlafens.

Auf TikTok erreicht der Trend ein Millionenpublikum. Das Versprechen dahinter klingt verlockend: Mit den richtigen Tricks soll sich der eigene Schlaf optimieren lassen – und damit am nächsten Morgen auch gleich Energie, Konzentration und Leistungsfähigkeit.

Was Schlafmedizin dazu sagt

Dr. Judith Abel, Oberärztin und Somnologin an der HNO-Klinik des Uniklinikums Erlangen, ordnet den Trend allerdings deutlich differenzierter ein. Die Nasenatmung hat tatsächlich wichtige Funktionen: Die Nase filtert, befeuchtet und erwärmt die Atemluft.

Für Mouth Taping gibt es laut Abel dagegen keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege für einen allgemeinen Nutzen. Problematisch kann die Methode insbesondere für Menschen sein, die unbemerkt unter Atemaussetzern im Schlaf, also einer Schlafapnoe, leiden. Das Zukleben des Mundes sollte deshalb nicht als harmloser Schlafhack verstanden werden.

Wenn der perfekte Schlaf selbst zum Problem wird

Besonders interessant ist ein Begriff, den Dr. Abel in diesem Zusammenhang nennt: Orthosomnie. Gemeint ist eine übermäßige Fixierung auf einen vermeintlich perfekten Schlaf.

Das klingt zunächst paradox. Wer seinen Schlaf möglichst genau kontrollieren möchte, könnte damit genau das Gegenteil erreichen. Schlaftracker zeigen Zahlen zu Schlafdauer, Tiefschlaf und nächtlichen Wachphasen. Wer diese Werte jeden Morgen kontrolliert und sich zunehmend Sorgen macht, ob die vergangene Nacht „gut genug“ war, kann dadurch zusätzlichen Druck aufbauen.

Ausgerechnet der Versuch, besser zu schlafen, kann dann zum neuen Stressfaktor werden.

Warum Schlaf plötzlich zum Optimierungsprojekt wird

Dass ausgerechnet Schlaf zum nächsten Feld der Selbstoptimierung wird, passt zu einem größeren Trend. Schon beim Selfcare-Hype zeigt sich: Selbstfürsorge wird zunehmend messbar, planbar und optimierbar.

Schritte zählen, Kalorien tracken, Produktivität messen, Routinen perfektionieren – und jetzt eben auch den Schlaf. Gerade wenn Studium, Ausbildung oder Job ohnehin von Leistungsdruck geprägt sind, kann die Vorstellung attraktiv wirken, zumindest die eigene Erholung kontrollieren zu können.

Das Problem beginnt dort, wo Erholung selbst zur Leistung wird. Dann ist die Frage nicht mehr nur: „Habe ich gut geschlafen?“, sondern plötzlich: „Habe ich gut genug geschlafen?“

Zwischen sinnvollem Life-Skill und TikTok-Hack

Das eigentlich Knifflige an Sleepmaxxing ist deshalb die Mischung. Neben vernünftigen Schlafgewohnheiten stehen Methoden, deren Nutzen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist oder die für bestimmte Menschen sogar problematisch sein können.

Ein regelmäßiger Schlafrhythmus oder eine angenehme, dunkle Schlafumgebung sind etwas anderes als ein vermeintlicher Wunderhack aus dem TikTok-Feed. Und auch Schlaftracker können zwar interessante Informationen liefern, sollten aber nicht automatisch zum täglichen Leistungsnachweis werden.

Was du aus dem Trend mitnehmen kannst

Du musst nicht jede TikTok-Schlaftechnik ausprobieren, um besser zu schlafen. Und eine schlechte Nacht bedeutet nicht automatisch, dass du deine Schlafroutine falsch gemacht hast.

Wenn du dauerhaft schlecht schläfst, ist eine schlafmedizinische Abklärung sinnvoller als der nächste virale Hack. Das gilt insbesondere bei starkem Schnarchen, ausgeprägter Tagesmüdigkeit oder beobachteten Atemaussetzern während des Schlafs.

Die vielleicht langweiligste Schlafroutine ist die sinnvollste

Statt den eigenen Schlaf mit immer neuen Gadgets und Methoden zu perfektionieren, kann ein deutlich unspektakulärerer Ansatz sinnvoll sein: regelmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten, eine möglichst angenehme Schlafumgebung und weniger Bildschirmaktivität direkt vor dem Einschlafen.

Das klingt natürlich weniger spektakulär als ein mit Tape verschlossener Mund und fünf verschiedene Schlaf-Gadgets. Aber vielleicht ist genau das die Pointe von Sleepmaxxing: Schlaf funktioniert nicht unbedingt besser, nur weil wir versuchen, ihn immer stärker zu kontrollieren.

Zur Einordnung

Dieser Artikel ordnet den Sleepmaxxing-Trend anhand einer Experten-Einschätzung ein und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei anhaltenden oder ungewöhnlichen Schlafproblemen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.

Foto von Marcus Aurelius: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-smartphone-bett-schlafzimmer-9787924/