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Stellungswechsel: Wie die Corona-Krise das Onlinedating verändert hat

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Nadine Kroll befasst sich mit den Fragen, die junge Menschen und speziell Frauen, die gerade ihre Sexualität entdecken, ganz besonders beschäftigen. Es geht um gesellschaftlichen Wandel, Selbstbestimmtheit, neugewonnene Freiheiten, Frauenrechte und natürlich um Sex.

Die Corona-Krise hat Auswirkungen auf sämtliche Bereiche unseres Lebens – auch das Online-Dating. Und die sind in diesem speziellen Fall nicht einmal negativ, sondern sprechen tatsächlich für unsere Gesellschaft und die Ernsthaftigkeit, mit der sich die meisten Menschen an die empfohlenen Abstandsregelungen der Regierungen halten. 

Klar, ein paar schwarze Schafe, die sich trotz Corona direkt zum intimen Stelldichein treffen wollen und sogar als Ärzte ausgeben, um zum Schuss zu kommen, gibt es. Doch ganz grundsätzlich verzeichnen Tinder, OkCupid und Co. in den letzten Wochen eine höhere Bereitschaft, lange Nachrichten via Text auszutauschen. Ein Zeichen dafür, dass es auf den Plattformen eben nicht nur um schnellen Sex geht, sondern echtes Interesse, sich gegenseitig kennenzulernen, tatsächlich vorhanden ist.

Ich selbst beschränke mich mit meinen Tinder-Matches aktuell auf den schriftlichen Austausch über die App oder Facetime-Calls, was sehr schön ist, denn es ist eine ganz andere Art des „ersten Dates“, bei dem man zwar nicht physisch zusammen ist, aber sich aufgrund der noch immer gewöhnungsbedürftigen Situation, in der wir alle derzeit stecken, irgendwie doch näher kommt, als das bei einem Standard-Tinder-Date der Fall ist. Während da nämlich meist nach 1-2 Dates schon wieder Schicht im Schacht ist, weil es zu schnell zu viel zu schlechtem Sex kam und man im Anschluss feststellte, dass man nicht einmal ein vernünftiges Gespräch miteinander führen kann, facetime ich mit einigen meiner Matches bereits seit vier Wochen 2-3 Mal in der Woche. 

Ich genieße diese Situation sehr, weil ich das Gefühl habe, mein Gegenüber auf einer ganz anderen Ebene kennenzulernen, als das sonst der Fall ist – und andersrum natürlich auch. Und ich merke dadurch: In den letzten Jahren hat sich mein Fokus auch etwas gedreht. Während es mir vor einigen Jahren noch wichtig war, dass meine potenziellen Sexualpartner möglichst unkompliziert sind, lege ich heute viel mehr Wert darauf, dass sie einen Charakter haben, der mich anspricht. Und der darf für mich auch ganz gerne mal Ecken und Kanten haben, schließlich bin ich genauso.

Nicht jeder allerdings setzt ausschließlich auf Videotelefonie, wenn es ums Kennenlernen in Zeiten von Corona geht. Ich habe Freunde, die bereits „richtige“ Dates mit einem(!) Tinder-Match ihrer Wahl hatten – natürlich mit dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern und auch nur zu Spaziergängen an der frischen Luft. Auch sie bestätigen, dass ihre Dates aufgrund der Krise eine ganz andere Qualität haben als zuvor – und sind sich einig, dass es spätestens, wenn es zwischen ihnen und ihrer*m Auserwählten zu einem Kuss käme, ganz offiziell eine Beziehung wäre.

Vorbei also ist die Unsicherheit darüber, wo man selbst nachdem man mehrere Male miteinander im Bett war noch nicht wusste, ob man nun ein Paar ist oder nur die heimliche Affäre. Was lernen wir daraus? Corona ist zwar ziemlich beschissen – aber an der Situation an sich ist letzten Endes doch nicht alles schlecht.

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Bildquelle: Unsplash; CCO-Lizenz

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