Warum ein Drittel der 25-Jährigen noch bei den Eltern wohnt – und warum das nicht nur am Geld liegt

Kennst du dieses mitleidige Augenrollen, wenn jemand mit Mitte zwanzig noch im Kinderzimmer wohnt? Bevor du beim nächsten Mal mitrollst, lohnt sich ein Blick auf die Zahlen dahinter.

Die Zahlen hinter dem Klischee

In Deutschland liegt das durchschnittliche Auszugsalter aktuell bei 24,1 Jahren, ein halbes Jahr später als noch vor zehn Jahren. Wer dabei vorschnell an das alte Muttersöhnchen-Klischee oder reine Bequemlichkeit denkt, übersieht den offensichtlichsten Grund: Wohnen ist teurer geworden. In Hamburg sind die Mieten in den vergangenen drei Jahren um 20 Prozent gestiegen, in Berlin um 12 Prozent. Wer mit Anfang zwanzig frisch ins Berufsleben startet, kalkuliert diese Zahlen automatisch mit ein.

Trotzdem nennen in einer Umfrage nur 26 Prozent derjenigen, die länger zuhause wohnen, die Kosten als Hauptgrund für ihren Verbleib. 45 Prozent sagen stattdessen, ihre Familienbeziehung sei einfach so gut, dass ein Auszug sich nicht dringend anfühle. Das widerspricht dem klassischen Nesthocker-Klischee ziemlich direkt.

Wenn Zuhause kein Kompromiss ist

Der Wirtschaftspsychologe Florian Becker ordnet das kulturell ein: „Ein Auszug war für uns in Deutschland bisher immer auch ein Ausdruck von Optimismus.“ Früher galt schnelles Ausziehen als Statement, heute ist es öfter eine reine Rechenaufgabe. Becker sieht aber noch eine zweite Ebene, die weniger mit Miete zu tun hat: „Es kann auch schlicht angenehm sein, dass jemand sich um alles kümmert. Es gibt diesen Trend zur Komfortzone.“

Beides kann gleichzeitig stimmen. Die Mietpreise machen einen frühen Auszug objektiv schwerer, und gleichzeitig hat sich still verändert, wie sehr ein eigenes Zuhause noch als Statussymbol zählt. Wenn die Beziehung zu den Eltern gut ist und die Miete in der eigenen Stadt absurd hoch, wird aus dem vermeintlichen Makel schnell eine ziemlich vernünftige Entscheidung.

Bevor du das nächste Mal über jemanden urteilst, der noch bei den Eltern wohnt, frag lieber nach der Miete in dessen Stadt, nicht nach dessen Antrieb.

Foto von cottonbro studio: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-bett-sitzung-sitzen-10598817/