von Gidon Wagner

Man braucht sich heute nicht mehr zu schämen, wenn man mit rund 30 Jahren noch zu Hause wohnt. Schon seit Jahren liest und hört man immer wieder davon: die jungen Leute bleiben einfach immer länger daheim. Ausziehen? Auch für den, der sein Studium fertig hat oder bereit für den Beruf ist, stellt sich die Frage immer später. Die einen finden das nur interessant. Die anderen finden das ganz toll. Die anderen hacken auf der “Generation Y” herum. Soll man die Entwicklung gut oder schlecht finden?

Status Quo in Deutschland: 70 Prozent der 24-Jährigen, 34 Prozent der über 30-Jährigen wohnen noch bei den Eltern oder einem der beiden. Warum das so ist und ob das gut ist, diese Fragen werden politisiert und psychologisiert, sozilogisiert, gesellschaftisiert. Und natürlich philosophiert. Dass das besser ist, wenn man ein gefühltes halbes Leben im Elternhaus verbringt, weiß zum Beispiel Evelyn Roll in ihrem SZ-Kommentar “Hier geblieben!”. Sie beruft sich etwa auf Psychologen, die sagen, dass man sich emotional nicht besser von seinen Eltern löst, nur weil man früh auszieht. Und sie bezieht sich auf ihre eigene Erfahrung, hätte gerne mehr Zeit mit ihren Eltern verbracht.

 

Das Für und Wider vom Flügge werden

 

Für die Eltern kochen, mit ihnen ins Kino gehen, sie Fragen fragen, die man schon immer von und über sie wissen wollte; all das könne man heute haben, wenn man mit 30 noch im Elternhaus, im Kinderzimmer lebt. Natürlich geht es Roll auch um die Einstellung zum Elternhaus. Die 69er Jahre waren eben etwas anderes. Heute fühlt man sich ganz automatisch mehr verbunden mit den Eltern, schließlich haben sie Hitler nicht bejubelt und uns auch nicht in einer Diktatur großgezogen. Ganz klar scheint Roll, dass man heute lieber immer daheim bleibt. Das hat auch finanzielle Gründe. Aber die spielen am Ende für sie gar keine Rolle mehr. Familie ist Zufluchtsort und die neue Glückszentrale für “Ypsiloner”. Und das mit der emotionalen Bindung, die es zu lösen gilt, von der man sich frei machen muss, wird gar nicht weiter besprochen. Stattdessen handeln solche Stimmen das Für und Wider des späten Auszugs ab und machen daraus eine für alle beteiligten Protagonisten eigennützige Liebesgeschichte.

 

Der scheinbare Albtraum vom Alleinewohnen

 

Ok. Die erste Wohnung muss kein Schmuckstück sein. Es müssen keine Möbel nach Maß her und es muss auch kein hippes Wohnviertel sein. Für die jungen Leute, die ich kenne – mich eingeschlossen -, war es trotz aller Kompromisse in der ersten eigenen Wohnung (oder Erwachsenen-WG) ein Luxus, von daheim wegzugehen. Nicht, um abzuhauen und alles hinter sich zu lassen, sondern um auch mal zu Besuch kommen zu können.

Ein erster Einkaufsbummel bei IKEA für die eigenen vier Wände kann auch für Nicht-Shopping-Fans eigentlich nur ein Genuss sein. Bei mir war das auf jeden Fall so. Und die anderen, die im hippen Viertel genüsslich in eine geile Altbauwohnung oder Luxus-WG einziehen, die führen eigentlich nur ihren von daheim gewohnten Lebensstandard fort. Lassen sich das elterliche Wohnzimmer nachbauen, haben eine tolle Couch, einen flachen Fernseher und einen Mini vor der Tür. Sie eint aber mit den Normalos, was doch schließlich ganz normal ist: jeder möchte seine Ruhe haben, zumindest die Option darauf haben. Wer noch zu Hause lebt, darf sich zwar über einen immer vollen Kühlschrank freuen, aber teilt sein Leben nach wie vor mit Mama und oder Papa (werden heute auch öfter als “Mum” und “Dad” bezeichnet). Mit Leuten, die man sich nicht als Mitbewohner ausgesucht hat, weil immer schon vorhanden.

 

Bloß nicht neidisch werden…

 

Wenn vor der Kinderzimmertür der Staubsauger vorbeifährt, wird man wach, zwar im wohligen Gewissen, dass man den Flur nicht selber sauber machen muss – weiterschlafen kann man aber auch nicht. Geschlechtsverkehr neben dem elterlichen Schlafzimmer? Eine Traumvorstellung! Ganz zu schweigen von früheren Erziehern, die ihr Privatleben jetzt neu erfinden oder mit einem neuen Partner zusammenleben. Dass hier zu leben jetzt ein Fortschritt sein soll, können einem nur die erzählen, die mit der Früher-war-alles-schlechter-Logik oder der umgekehrten Variante denken und argumentieren. Emotionale Reden von mehr Zeit, die man mit den Eltern verbringen sollte oder hätte können, lenken vom Thema ab: jeder, der mit rund 30 noch daheim wohnt, hat seine finanziellen, praktischen, persönlichen Gründe, aber sicher nicht den, dass er sich keine bessere WG vorstellen könnte als mit den Eltern.

Die lebenslange Komfortzone Elternhaus: Wer hat sich diesen Schwachsinn ausgedacht? Und die, die jetzt neidisch auf die “Generation Y” schauen und sagen, sie selbst hätten – im Nachhinein betrachtet – gerne länger mit ihren Eltern zusammen gelebt, denen möchte man sagen: Leckt uns am Arsch! Die verkehren die gesellschaftliche Wirklichkeit in den sprichwörtlich Ponyhof. Es ist gut, wenn man – pleite – zu den Eltern zurück kann. Und dass man nicht rausgeworfen wird, solange man keine Wohnung oder bezahlbare WG gefunden hat, ist auch nicht verkehrt. Es ist auch ok, wenn man einfach dafür gemacht ist, für ein Leben im Elternhaus. Gar nichts ist da aber pauschal beneidenswert oder komisch, wenn ein halbwegs Erwachsener heute noch daheim lebt. Widerum gar nichts einzuwenden ist gegen eine intakte Freundschaft zu den Eltern. Eine gute Beziehung, regelmäßiges miteinander Reden, sich treffen, als Erwachsene.

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Bildquelle: Vladimir Pustovit unter CC BY 2.0