Wieso wir Whatsapp und Facebook trotzdem nutzen

Von Iseult Grandjean

Eigentlich finde ich Facebook ja total korrupt. Die klauen dir deine Daten, schneidern dir ein einseitiges Weltbild und merken sich auch noch, was du nie veröffentlicht hast. Eigentlich finde ich Whatsapp nicht besser: da werden Nachrichten mitgelesen und die Handynummern meiner Kontakte in Amerika gespeichert. Frechheit!

Uneigentlich quäle ich mich im Internet mit den täglich eintrudelnden Urlaubsfotos meiner Freunde, koordiniere Wichtiges wie Unwichtiges in sämtlichen Facebookgruppen und jage am Tag unzählige kleine Texthäppchen durch Whatsapp.

 

100 Neuanmeldungen pro Sekunde

 

Als im Februar dieses Jahres die Meldung die Runde machte, dass Facebook den Kurznachrichtendienst Whatsapp für schlanke 19 Milliarden Dollar übernimmt, war der Aufschrei natürlich groß: wie unsicher das jetzt alles werde, wie hintergangen man sich fühle, dass man dieses – mit Verlaub – Dreckssystem doch stürzen oder zumindest boykottieren müsse. Eifrig wurden Artikel mit Titeln wie “Die 5 besten Alternativen zu Whatsapp” gepostet und versucht, verdrossene Zuckerberg-Jünger zu Threema oder Telegram zu konvertieren.

Kurzzeitig hatten alternative Dienste mit der sogenannten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung – die neuerdings sogar Whatsapp zumindest für reine Textnachrichten anbietet – natürlich einen Nutzeransturm: Telegram meldete zeitweise 100 Neuanmeldungen pro Sekunde, Threema verdoppelte seine Nutzerzahl in kurzer Zeit. Aber jetzt? Ist doch eigentlich alles beim Alten.

 

Sind wir wissend, aber faul?

 

Wir finden Facebook und Whatsapp im Grunde scheiße, wir wissen, dass unsere Daten dort nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst werden – aber sind auch zu faul, um wirklich etwas daran zu ändern. Das Problem ist nämlich: Eine integrale Umwälzung kann nur funktionieren, wenn jeder mitmacht. Löscht man als Einziger seinen Facebook-Account, verpasst man alle wichtigen Neuigkeiten und Veranstaltungen. Und die sicherste Messenger-App bringt einem nichts, wenn sie kein anderer Kontakt nutzt.

Laut einer repräsentativen Umfrage sagte im Februar jeder Dritte Deutsche, dass er sich nach einer Alternative für Whatsapp umsehen wolle. Das zeigt natürlich, wie unser Vertrauen durch die Facebook-Übernahme abrutschte. Was man dann aber auch bemerken sollte: 28 Prozent gaben an, den Dienst sicher weiter zu nutzen, 24 Prozent wollten das wahrscheinlich tun. Ist halt einfacher.

Es ist diese heikle und doch wohlbekannte Kombination aus Gruppenzwang und Bequemlichkeit, die dazu führt, dass wir tun, was wir vielleicht eigentlich für falsch halten. Und Diskussionen um Datenschutz erinnern ja manchmal an Diskussionen um Bakterien im Grundwasser: Was wir nicht sehen, ist erstmal auch kein Problem, irgendwie.

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Bildquelle: Logan Campbell (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Man hat uns gesagt, eine "witzige Kurzbeschreibung" zu unserer Person zu schreiben. Schrecklich, sowas übt immer enormen Druck auf mich aus. Also: Ich bin leider nicht mehr Ende 10, sondern mittlerweile Anfang 20, liebe Gin Tonic und Zitroneneis. Wenn ich nicht gerade Vorlesungen der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft schwänze, beobachte ich fremde Menschen in der U-Bahn und schmiere meine Gedanken in ein existentialistisches Suhrkamp-Notizbuch oder überrede Bands und Sänger dazu, Pfefferminzlikör mit mir zu kippen. Und den Witz überleg ich mir morgen.