Young Fathers: „Wir müssen uns nicht wie Popstars verhalten“

Young Fathers Roskilde

Nach ihrem Konzert auf dem Roskilde Festival treffen wir die drei Jungs von Young Fathers. Eine unkonventionelle Truppe, die beim Mercury Prize, die jährlich vergebene Auszeichnung für das beste britische Musikalbum, 2014 schon Damon Albarn und FKA Twigs geschlagen hat. „G Hastings“ ist schon vollkommen fixiert auf das Interview und sitzt still auf der Bank, während Alloysious Massaquoi noch gar nicht fassen kann, dass hier fast ausschließlich Freiwillige arbeiten. Er ist wirklich sehr beeindruckt vom Roskilde. Das dritte Bandmitglied Kayus Bankole malt seelenruhig vor sich hin, während die beiden anderen es gar nicht mehr erwarten können, fast 30 Minuten mit mir zu diskutieren. Themen sind unter anderem Pegida, verzogene Rockstars und ihr Album mit dem nicht unumstrittenen Titel „White men are Black men too“

Zeitjung: Hier auf dem Roskilde Festival habt ihr einen ziemlich coolen Auftritt hingelegt, obwohl ihr im Vergleich zu eurer Heimat Großbritannien auf einer eher kleinen Bühne gespielt habt. Dementsprechend waren auch weniger Leute da als ihr es sonst gewohnt seid. Hatte das irgendwelche Auswirkungen auf euch?

Klar, heute war es eine etwas kleinere Bühne, jedoch war uns das nicht so wichtig. Wir sind eben keine einfache Band. Wenn wir anfangen zu spielen, kommt auf Anhieb dieser derbe und experimentelle Sound auf die Zuschauer zu, was sicher einige verwirren kann, vor allem, wenn sie unsere Musik gar nicht kennen. Wir stellen uns auch nicht da vorne hin und sagen:  „Los Leute, fangt mal an zu klatschen“, sondern ziehen einfach unser Ding durch. Wir sind keine 08/15-Band.

In Großbritannien erfreut ihr euch großer Beliebtheit, dort sprechen zum Beispiel die Köpfe hinter dem Reading & Leeds Festival von euch als kommenden Headliner. Ihr werdet in einer Reihe mit Alt-J genannt. Was denkt ihr selbst darüber, auf einem so großen Festival als Headliner auf der Bühne zu stehen?

Es ehrt uns sehr, vielleicht eines Tages dort als Headliner zu spielen. Aus unserer Sicht machen wir Pop-Musik, die vorzugsweise im Radio gespielt werden sollte. Unglücklicherweise ist das noch nicht so oft der Fall. Wir wollen auf jeden Fall auf so eine große Bühne, aber wir wollen auch so bleiben, wie wir sind. Viele stellen sich da drauf und schauspielern nur. Sie sagen dem Publikum, was es tun soll, zum Beispiel klatschen. Typische Popstars eben. Wir sind mit uns selbst zufrieden und müssen uns nicht wie Popstars verhalten, um dort hinzukommen.

Dieses Jahr erschien eure zweite Platte „White Men Are Black Men Too“. Was ist die Botschaft dieses Albums?

Unser Album ist eine Art Austausch von Meinungen und Botschaften. Jeder nimmt den Titel anders auf, jeder empfindet etwas anderes dafür. Das verdeutlicht das, was wir davon halten. Wir finden einfach, Menschen sollten als Individuen wahrgenommen werden und die Leute sollen darüber reden. Es ist eine Art Denkanstoß für die Gesellschaft. Was denkst du denn darüber, was bedeutet der Albumtitel für dich?

Wir müssen anstreben, dass jeder gleichberechtigt ist, obwohl das eine schwer zu bewältigende Aufgabe wird. In Deutschland haben wir zum Beispiel immer noch massive Probleme mit der Vergangenheitsbewältigung, vor allem mit Rassismus und Islamophobie. Pegida hat dieses Jahr in Deutschland mit solchen Themen großen Anklang gefunden.

Ja, davon haben wir gehört. Auch davon, dass beispielsweise vermehrt Asylheime angegriffen wurden.

Eure Musik gibt dennoch Hoffnung! 

Ja, es kann Hoffnung geben. Die Welt ist nicht gleich, jeder weiß das. Was uns einfach aufregt, sind immer wieder die gleichen Klischees oder Stereotypen. Man muss genau so sein, wie es dir vorgezeigt wird. Da spielen natürlich auch die Medien mit rein. Oder Geschlechterrollen. All diese Dinge wollten wir in einen großen Titel fassen.

Du brauchst heutzutage einfach einen prägnanten Titel, der Aufmerksamkeit bekommt. So funktioniert das Musikbusiness.

Letztendlich kommt’s ja doch auf die Musik an.

Auf jeden Fall! Man muss auch einen guten Song erschaffen. Wir wollen diese Pop-Elemente. Der Song muss doch genauso gut sein wie seine Message, das wäre ja sonst sinnlos.

Man muss eben die Mitte zwischen politischer Message und einfach mitreißender Musik finden.

Wie du schon sagtest, die Balance muss stimmen. Wir hätten den Titel einfach genauso gut als Tweet raushauen können, das hätten vielleicht ein paar Leute gelesen. Aber wir wollten das ganz klar als Albumtitel, der von Songs unterstützt wird. Jeder redet darüber, Radio, TV, Journalisten. Das ist das, was wir wollen.

Damit wolltet ihr erreichen, dass schneller und leichter eine Diskussion angefacht wird.

Ja, das macht es einfacher, die Leute dazu zu bringen, drüber zu reden und ihre Meinung voran zu bewegen. Ich meine, wir werden niemals alle Händchen haltend und gemeinsam einen Song singen.

Zu Recht habt ihr für euer musikalisches Schaffen 2014 den Mercury Prize gewonnen und euch unter anderem gegen Damon Albarn durchgesetzt. Das bestätigt definitiv, dass eure Kunst und Musik anerkannt und wertgeschätzt wird.

Das ist natürlich schön! Vor allem weil wir keine typische Band sind. Letztendlich sind wir doch auch nur normale Jungs, die auf die Bühne gehen und ihr Ding durchziehen. Wir müssen kein Rap-Klischee sein, denn wir sprechen unsere Fans auch mit unserem auf den ersten Blick unpopulären Stil an. Das ist auch womöglich eine Lehre für Leute, die sich an solchen Klischees orientieren.

Bemerkenswert ist auch, dass ihr eure Alben sehr zügig produziert. Euer erstes Album Dead kam 2014 und eure zweite Platte schon ein Jahr danach. Ihr habt euch in Berlin verkrochen und schnell mal euer zweites Album erschaffen. Was ist euer Geheimnis?

Ich denke, wenn man jahrelang zusammenarbeitet, dann passiert vieles eben spontaner und schneller. Wir sind einfach in einer Phase, in der wir in einen Raum gehen können, ein Geräusch haben und wissen, dass wir drei genau zu dem Sound einen Song machen können. Das bedeutet uns einfach sehr viel! Dazu arrangieren wir unsere Songs sehr poppig. Wir mögen Hooks, die den Hörer etwas schnell erklären. Progressive Sechs-Minuten-Songs waren noch nie unser Ding, wir haben so was fast nie angehört. Zugleich ist es eine Herausforderung, das Leben von jemandem in dreieinhalb Minuten zu ändern.

Mit euren kurzen und prägnanten Songs seid ihr auch weltweit auf Tour. 2014 waren es 140 Konzerte!

Dieses Jahr werden es über 200 Konzerte!

Ihr lebt aber immer noch in Edinburgh. Wie ist es für euch, wieder heimzukommen?

Wenn wir nach Edinburgh zurückkommen, fühlt sich das wie Ferien an. Alles ist still. Wir kommen zurück zu den Leuten, die wir lieben, das ist großartig. Trotzdem müssen wir uns klar sein, dass wir nicht lange dort sein können. Eigentlich kommen wir hin und überlegen schon, wohin uns die Tour als Nächstes hinbringt. Das ist halt unser großes Abenteuer gerade.

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Bildquelle: Privat

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