Zum Heiland mit Ry X: „Love is the only thing.“

Interview Ry X Zeitjung Heiland

Ry X steht im Stau! Macht nix, denn der Australier ist einer, auf den man gerne wartet. Es ist Nachmittag und wir befinden uns im Backstagebereich des MMAs in München: 20 Meter hohe Decken und ein einsames Sofa mitten im Raum. Hier wird an diesem Abend ein Hauskonzert mit Ry X stattfinden. Eine ausverkaufte Halle wird heute nicht nur Rys Über-Hit „Howling“ zu hören bekommen, sondern eine Stunde herzzerreissend schöner Musik, die auch den coolsten, schwarzbekleideten Münchner schmelzen lassen wird. 

Erst Anfang Mai hat Ry X sein Album „Dawn“ veröffentlicht – an seinem Geburtstag! Als er dann vollkommen entspannt endlich mit uns auf der Couch sitzt, haben wir gleich zwei Gründe, den Heiland einzuschenken und anzustoßen – „That’s sweet“ findet Ry. Wir auch. Es folgt ein Gespräch über Heimat, Freiheit und die Liebe. Oder mir Rys Worten: „We gonna go really deep here.“

ZEITjUNG: Wir fangen direkt mit den tiefgründigen Fragen an: Du bist in den letzten Jahren viel rumgekommen, hast in L.A., Bali, Berlin gelebt – was bedeutet Heimat für dich?

Ry X: Im Moment ist Kalifornien sowas wie Zuhause für mich. Aber Berlin ist immer noch meine Heimat, wenn ich in Europa bin! Aber was bedeutet Heimat für mich? Ich bin jetzt im Moment zuhause, weil ich es sein muss. Weißt du, das ist meine Heimat, diese Tour. Wenn du das halbe Jahr unterwegs bist, wird das Hotelzimmer oder die Venue, in der du spielst, zur Heimat. Ich nehme Dinge mit, um einen eigenen Ort zu kreieren. Die erste Sache, die ich in einem Hotelzimmer tue, ist die Möbel zu verrücken und meine Yogamatte auszurollen. Ich hole meine Sachen heraus und versuche einen Ort zu schaffen, der Verbundenheit ausstrahlt.

Du hast also nie Heimweh?

Mh, doch ich denke schon. Ich habe Heimweh zum Ozean. Manchmal vermisse ich auch meine Gemeinschaft, die ich mir in Kalifornien und Berlin aufgebaut habe, wo viele meiner Freunde leben. Wenn du nicht dort bist, erlebst du diese Gemeinschaft nicht und vermisst die Reflexion, die sie dir gibt. Ich denke, das ist es, was ich vermisse.

Kann also eine Person auch Heimat sein?

Definitiv! Ich denke, auch eine Gruppe von Menschen kann Heimat sein.

Familie muss also nicht unbedingt verwandt mit dir sein?

Du meinst Blut? Nein! Familie kann man wählen.

Meinst du, dass es wichtig ist viel zu reisen und an verschiedenen Orten zu leben, um als Persönlichkeit zu wachsen?

Ja, defintitv! Ich denke sogar, dass man dadurch eine bessere Bildung erhält, als eine universitäre Ausbildung es je bieten kann. Du siehst Menschen auf der ganzen Welt, die in ihrer eigenen Kultur leben und du identifizierst und verbindest dich mit diesen Menschen. Du lernst Bräuche und Sprachen kennen. Natürlich ist intellektuelles Lernen sehr wichtig – Schule, Universität – das kann wirklich gut sein, aber ich denke, es ist wichtiger die Welt zu sehen und Dinge zu erleben um ein besseres Verständnis der Welt zu haben. Man kann Liebe und Erfahrungen intellektualisieren, aber diese Erfahrungen einmal selbst zu machen, ist wirklich nochmal etwas ganz anderes.

Wir haben uns die Musik, die du vor fünf oder sechs Jahren veröffentlicht hast, angehört. 

Ry lacht.

Sie ist sehr anders, im Vergleich zu ‚Dawn’ – da ist diese Transformation, eine Art natürliches Wachstum. Ist das etwas, wofür du dich aktiv entschieden hast?

Als ich vor vielen Jahren in L.A. unter Vertrag genommen wurde, war ich noch ein Teenager. Ich wurde dazu gedrängt, ein Album zu machen, zu dem ich keine persönliche Verbindung hatte. Es kam außerdem auch noch eine ganze Weile nachdem ich die Songs geschrieben hatte, heraus. Wenn du bei einem großen Label unterschreibst, wollen sie, dass du Dinge machst, die mehr eine industrielle Version von Kunst als eine Version voller Herz ist. Sehr schnell nachdem die Platte draußen war, habe ich genau das verstanden. Die Musik hatte nichts mehr damit zu tun, wer ich war und so habe ich entschieden, alles zurückzulassen. Ich bin für eine Weile nach Bali gezogen, habe die Musikindustrie hinter mir gelassen und wieder angefangen, Musik zu machen. Ich habe wieder zur Musik gefunden, wollte aber nicht mehr zurück in diese Industrie – Ich habe immer noch Probleme damit.