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Wenn ihr alles hinschmeißen wollt: Traut euch zu scheitern!

Scheitern tut weh. Dabei ist es oft eigentlich das Durchhalten, das uns auf die Fresse legt. Warum wir uns trauen sollten, auch einmal zu versagen.

„Es war die beste Entscheidung meines Studiums“, sagt Anna*, „damit aufzuhören“. Ein Jahr ist es mittlerweile her, dass sie die Notbremse gezogen hat. Die Geschichte, die sie uns erzählt, ist keine Erfolgsgeschichte. Anna ist gescheitert. Und glücklich damit.

Ganz im Gegenteil sind es aber Berichte über heroische Studienabgänger, Start-up-Gründer und allgemein unverschämt erfolgreiche Menschen, die sich in rauen Mengen in unser Bewusstsein fressen. Ebenso wie die entspannt Kaffee trinkenden Kommilitonen in der Prüfungsphase. Oder diejenigen, die von ihrem Masterstudium in Paris oder London berichten. An einer Elite-Uni, versteht sich. Diejenigen, die nebenher noch unzählige Hobbys haben – Fernsehen natürlich keines davon. Das Verhältnis zur Familie und zum Partner? Herausragend. Die Freunde zutraulich und cool. Berufsstart geschmeidig. Frisur saß beim Bewerbungsgespräch schließlich auch perfekt.

Was nie einer sagt: es ist in Ordnung, das alles nicht zu erreichen. Haben die wahrscheinlich selbst nicht einmal. Es ist in Ordnung, zu scheitern. Es ist in Ordnung, schon wieder Single zu sein, an einer unbekannten Hochschule im Sauerland zu studieren und von Global Business Management auf BWL downzugraden. Wir müssen es uns nur eingestehen.

 

Spread the word: Scheitern ist gar nicht so schlecht

 

Anna geht heute ganz locker damit um. Dabei sah das ein Jahr zuvor noch ganz anders aus. „Ich bin gescheitert an meiner Bachelorarbeit“, erzählt sie. Bereits sechs Semester der Medien- und Kommunikationswissenschaft hatte sie zu diesem Zeitpunkt erfolgreich überstanden. Nun fehlt ihr nur noch ein Abschluss. Am besten mit einer Eins vor dem Komma. Sonst bekommt man schließlich keinen guten Masterstudienplatz. Und das alles in Regelstudienzeit. Sonst verliert sie den wichtigen Anspruch auf BAföG. Doch Anna schmeißt hin. „Es ging einfach gar nicht mehr. Ich habe mir so viel Druck gemacht, dass ich mir selbst im Weg stand. Ich hatte richtige Panikattacken: Mir blieb die Luft weg, es wurde mir schwarz vor Augen. Drei Monate lang habe ich jeden Tag geheult – bin mit Tränen ins Bett und wieder aufgestanden.“ Erst als sie sich eingestanden hat, dass sie aufgeben muss, erholt sie sich wieder.

Dass ihre Entscheidung die richtige war, bestätigen auch Experten. „Junge Menschen stellen viel zu hohe Erwartungen an sich selbst. Es soll möglichst alles in einer Reihenfolge klappen, damit der berufliche oder private Erfolg nicht zu lange auf sich warten lässt. Dabei ist es wichtig, das Scheitern als Teil des Erfolges zu akzeptieren und nicht nur als Gegenteil“, sagt Diplom-Psychologe Georg Troumpoukis gegenüber ZEITjUNG. Aus Fehlern lernt man schließlich. „Das zu verstehen ist natürlich zunächst unfassbar schwer. Wir nehmen unser eigenes Scheitern oft als persönliche Schwäche wahr“, betont wiederum Heilpraktikerin, Sabine Weinrich. Hinzu kommt der zunehmende Druck aus der Gesellschaft. Denn wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft, in der „Hängenbleiben“ eigentlich keine Option ist. „In kaum einem anderen Land der Welt werden Misserfolge so sehr geächtet wie hier“, heißt es bei Zeit Online.

Und auch Anna erzählt uns, wie schwer es ihr gefallen ist, sich einzugestehen, dass sie gescheitert ist: „Am Anfang hat es sich richtig schlimm angefühlt, aufzugeben. Ich habe mich wie der letzte Versager gefühlt. Alle meine Freunde und Kommilitonen hatten es ja geschafft. Und auch für mich war es das erste Mal, dass ich in meinem Leben etwas hingeschmissen habe. Ein richtiger Schlag fürs Ego.“

 

Wenn Angst zur Krankheit wird: Die Furcht zu versagen lässt Träume versiegen

 

Wie viele junge Erwachsene in Deutschland, leidet Anna an einer gesteigerten Angst zu versagen. Wirklich darüber sprechen tun die wenigsten. Zukunftsangst, Depressionen und Burnout werden häufig als Generationsgeplänkel trivialisiert. Dabei stieg die Zahl von stationären psychotherapeutischen Behandlungen der 20- bis 30-Jährigen allein zwischen 2000 und 2011 um rund 50.500 Fälle. „Und soziale Medien tragen einen Teil dazu bei“, findet Diplom-Psychologe Georg Troumpoukis. „Der Druck wird noch mal erhöht, da Nutzer alles untereinander kundtun „müssen“. Die „Likes“ können zwar etwas Nettes sein, der Preis dafür ist aber oft zu hoch! In einer „schönen“ „geteilten“ Welt ist kein Platz für’s Scheitern.“

Krankhaft ist diese Angst dann, wenn jemand ernsthaft darunter leidet, lieber seine Träume vergisst, als sich einer Situation zu stellen und auch körperliche Symptome auftreten, erklären die Experten. Häufige Probleme sind Schlafstörungen, Herzrasen oder Schweißausbrüche. Neben dem gesellschaftlichen Druck können auch die Erwartungshaltung aus dem Elternhaus oder schlicht die Persönlichkeit eines Menschen zur Angst beitragen.

 

Wer nie scheitert, verliert sich irgendwann

 

Druck aus dem Elternhaus hat es bei Anna nie gegeben. „Ich habe schon immer mit so etwas zu kämpfen gehabt“, sagt sie. „Mit dem Studium ist es aber schlimmer geworden. Da interessiert es einfach keinen, was für eine Note du hast, ob du bestehst oder nicht. Und irgendwann verlierst du dich – weißt gar nicht mehr, was du kannst oder was du werden willst. Ich glaube, man muss es einfach zulassen, ein paar Mal zu scheitern, um den richtigen Weg für sich zu finden.“

Denn wer nie scheitert, der läuft Gefahr, sich in eine falsche Spur einzuordnen – und darin zu verharren. Möchtest du wirklich Lehrer sein, nur weil du gerade so durch alle Prüfungen gekommen bist? Ist deine Beziehung wirklich noch das, was du willst, nur weil ihr euch nach dem letzten Streit wieder zusammengerauft habt? Etwas einfach einmal für gescheitert zu erklären, kann dabei helfen, schlechte Entscheidungen zu erkennen und die eigenen Stärken auszuloten. Der Plan B ist nicht immer das schlechteste! Denn das Leben junger Erwachsener ist nun einmal nicht mehr als eine Rohfassung, die immer wieder umgeschrieben werden muss, wie es in einer Besprechung der neuen Staffel von GIRLS treffend heißt.

„Scheitern ist nicht schlimm“, sagt auch Anna heute. „Noch besser wäre es gewesen, ich hätte gleich nach dem dritten Semester eingesehen, dass ich es nicht schaffe und einen Schlussstrich gezogen.“ Eigentlich wollte sie immer Grafikdesignerin werden.

 

Richtig Scheitern

 

Wie schwer es Anna gefallen ist, am Ende tatsächlich einen Schlussstrich zu ziehen, hängt auch mit ihrer Persönlichkeit zusammen. „Manchen Menschen fällt es einfach schwerer als anderen“, erklärt Sabine Weinrich. Ebenso wie das erzwungene Durchhalten kann auch das erzwungene Scheitern eine Sackgasse sein. „Am Ende ist nur wichtig, sich zu akzeptieren, wie man ist. Man kann eine Persönlichkeit nicht ändern. Wenn das Aufgeben einfach nicht mit dem innersten Gefühl vereinbar ist, kann man nichts erzwingen.“

Sind der Stress und die Angst aber dennoch unerträglich groß, kann es helfen, ein Tagebuch zu führen:  „Es kann helfen, seinen Tag zu reflektieren und sich ganz bewusst vor Augen zu führen, was man alles geschafft hat“, rät Sabine Weinrich. „Denn oft betonen wir in unserer Erinnerung nur das Negative.“ Es geht also beim „richtigen Scheitern“ auch darum, ein gesünderes Bewusstsein für die eigenen Schwächen zu entwickeln.

Eine richtige Diagnose zu ihrer Angst hat Anna nicht, doch auch sie erkennt: „Die Erfahrung mit meiner Bachelorarbeit hat nicht mein ganzes Wesen umgekrempelt. Ich schätze, dass ich mich auch in Zukunft bis ins Koma stressen würde – es ist ja auch wichtig, alles zu geben. Aber ich verfalle nicht mehr bei Dingen in Panik, die mich früher sehr belastet haben. Ich versuche mich immer daran zu erinnern, dass Scheitern eine gute Entscheidung war. Und versuche an der Philosophie festzuhalten, dass jede Entscheidung einen Sinn hat.“

 

Lieber einmal hinfallen, als immer wieder stolpern

 

Im Gespräch mit ZEITjUNG wirkt Anna entspannt. Heute kann sie ihr Scheitern sogar ein wenig belächeln. Schließlich haben sich die Dinge für sie gut entwickelt. Nachdem sie die Arbeit geschmissen hat, konzentriert sie sich stärker auf ihren Job in einer PR-Firma. Stellt dadurch fest, dass sie nicht auf Dauer in dieser Branche arbeiten will. Also beschäftigt sie sich wieder intensiver mit einem lange vergessenen Wunsch: dem Grafikdesign-Studium. Nach zwei Semestern der Auszeit wagt sie also einen neuen Versuch, ihren Abschluss zu machen. Mit neuem Thema, neuem Betreuer und neuen Erfahrungen.

Letztendlich ist das mit dem Durchhalten und Scheitern also so: Es ist manchmal besser, einmal so richtig hinzufallen, um zu erkennen, dass man mit zwei Zähnen eigentlich besser aussieht, als ständig zu stolpern und irgendwann keine Zähne mehr zu haben.

*Anna möchte nicht, dass wir ihren Klarnamen verwenden

 

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Bildquelle: Leo Hidalgo unter CC BY 2.0

 

 

 

Kommentare

  1. Richtig! Nicht alles auf die Meinung von Außen zu geben und sich einfach frei machen zz können von Zukunftsängsten. Etwas das mir persönlich auch mehr als schwer fällt. Ich habe kein Abitur sondern eine Ausbildung gemacht und gemerkt das es das eigentlich nicht ist. Nun arbeite ich in diesem Beruf und muss für mich Entscheiden…kündigen oder nicht? Der Job ist gut bezahlt, die Arbeitszeiten sind ein Traum. Viele beneiden einen darum. Aber irgendwie ist es einfach nicht das Richtige für mich. Es ist manchmal erträglich. Aber nicht Erfüllend sondern eher Persönlichkeitsverändernd im negativen.

    Sandra J. / Antworten
  2. Respekt vor dem Schritt und den Mut der Autorin. Leider ist die Design- und Werbebranche kein Stück besser. Ich bereue derzeitig mein Grafikdesign Studium sehr…

    GoWithTheFlow / Antworten
  3. Danke für den Artikel! Habe aktuell auch mein Studium abgebrochen und den Studenten-Job gekündigt. Und das mit 30.

    Robert / Antworten

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