Attentat Kenia Universität Garissa

Die Fakten über das Ereignis am 2. April sind schnell aufgezählt: eine Universität in Kenia, vier Terroristen, 148 Tote. Die Attentäter sprengten sich danach selbst in die Luft, für die Opfer wurden drei Tage Staatstrauer angeordnet – und seither dreht sich die Welt weiter. Zumindest fast.

Das Attentat, ausgeführt von Angehörigen der somalischen Al-Shabaab-Miliz, hat mehr hinterlassen als 148 neue Gräber. Es ist ein Angriff, dem bereits einige Anschläge vorausgehen. So ernst die Situation in den Ländern Kenia und Somalia ist, so wenig werden sie von der westlichen Welt – also uns – wahrgenommen. Die Ereignisse in der kenianischen Stadt Garissa haben kaum Schlagzeilen gemacht – ein Umstand, der viele Fragen aufwirft: nach den Gründen, dem Konflikt und der fragwürdigen Reaktion des kenianischen Präsidenten Kenyatta, der das somalische Flüchtlingslager in seinem Land schließen will. Für ZEITjUNG habe ich mit Keni Kariuki, einem jungen, kenianischen Anwalt, gesprochen, um auf einige dieser Fragen Antworten zu finden.

 

Ein viel zu leichtes Ziel

 

Die Motivation hinter dem Anschlag auf die Universität Garissa scheint klar: Seit die kenianischen Verteidigungskräfte nach Somalia gesandt wurden, um dort gegen die Terrorgruppe Al-Shabaab zu kämpfen, gibt es immer wieder Anschläge in kenianischem Staatsgebiet. „Es wird spekuliert, ob nicht lokale Politiker hinter dem Massaker stecken“, erzählt Keni Kariuki, „aber das ist sehr unwahrscheinlich. Die Motivation dahinter ist die, zu zeigen, dass Kenia nicht sicher ist, solange unsere Truppen in Somalia bleiben.“

Es war am Gründonnerstag, als sich vier Attentäter mit Granaten den Weg in die Universität Garissa bahnten. In den 16 Stunden der Besetzung selektierten die Al-Shabaab-Mitglieder die Studenten in muslimische und christliche Gruppen und erschossen diejenigen, die keine Kuransuren rezitieren konnten. Jedoch: Ein Anschlag auf eine Universität verspricht weniger mediale Aufmerksamkeit als einer auf ein Staatsgebäude. „Im Gegensatz zu Regierungsgebäuden war die Universität eben ein leichtes Ziel“, erklärt sich Keni die Wahl des Ortes der Terroristen. Ein Ziel ohne Schutz, mit vielen Menschen – der perfekte Ort für ein Exempel wie dieses. Die Vorwürfe, die Regierung hätte nicht schnell genug gehandelt, werden vehement zurückgewiesen. Und dennoch, sagt Keni, sei es die Frage, die die örtlichen Medien mit am häufigsten stellen: Wurde schlichtweg nicht schnell genug gehandelt?

 

Allein mit den Toten

 

Als im vergangenen Januar das Satiremagazin Charlie Hebdo zum Schauplatz grausamer Morde wurde, trieb es sogar Politiker auf die Straßen, um ein Zeichen des Mitgefühls und gegen den Terror zu setzen. Vor über einer Woche erreichte die Welt die Bilder des furchtbaren Anschlags auf die Universität in Garissa – und es tat sich fast nichts. Wieso? Weil Paris ein sicherer Ort sein sollte, meint Kariuki. Und es sei schlichtweg eine Frage der Rassenzugehörigkeit: „Weiße Tote zählen in den Medien mehr.“ Eine Feststellung, der man am liebsten sofort widersprechen würde. Aber Kariuki führt weiter aus: „Als die französischen Journalisten getötet wurden, wurden in Nigeria hunderte Menschen von der Boko Haram verschleppt und umgebracht und es wurde in den westlichen Medien kaum erwähnt.“

 

 

Das Desinteresse der Welt an den Ereignissen in Kenia rief Proteste hervor. Unter dem Hashtag #NotJustANumber wurde schließlich versucht, die Todesopfer zu deanonymisieren. Genau hier liegt vermutlich der Schwachpunkt in der Berichterstattung. Die Opfer in eine überschaubare Form zu pressen, führt unweigerlich dazu, etwas Fundamentales zu vergessen: nämlich, dass jeder einzelne Tote ein Gesicht, eine Geschichte, Wünsche und Ziele hatte. Bei Charlie Hebdo ging es um mehr als nur um die Opfer – es wurde ein Symbol bedroht, das Symbol der Pressefreiheit und der Freiheit im Allgemeinen. In Kenia hingegen fehlt der Angriff auf solch ein Symbol – das gezeigte Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen bleibt deshalb eine bloße Ansammlung von Bekundungen unter einem einzigen Hashtag.

 

Flüchtlingslager soll aufgelöst werden

 

Um Terroristen aus Kenia zu verbannen, plant die Regierung nun, das weltweit größte Flüchtlingslager aufzulösen. „Aber das ist die Behandlung eines Symptoms, nicht des Ursprungs“, kritisiert Keni Kariuki diese Entscheidung. Gegen den Terrorismus, meint er, würde das nicht viel helfen. Vor Kurzem ließ die kenianische Regierung verdächtige Immigranten verhaften – eine Farce, wie der kenianische Anwalt findet. Und eine Aktion, die eine gesamte ethnische Gruppe ungerechtfertigterweise kriminalisiere.

Es bleibt noch die Frage, ob Kenia und Somalia weiterhin gemeinsam gegen den Terrorismus ankämpfen können. Keni ist überzeugt davon. Ihr Nachbarland hätte nur nicht die Kapazität, noch mehr gegen die Miliz zu unternehmen. Aber das Vertrauen zwischen den beiden Ländern bestehe weiterhin. „Du solltest nach Ostafrika kommen und es dir selbst ansehen. Denn das Problem“, meint er am Ende unseres Gesprächs, „ist nicht Somalia. Das Problem ist die Terrorgruppe Al-Shabaab.“ Und gegen die gilt es, zu kämpfen.

 

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Bildquelle: Twitter Screenshot / lastampa