Die EU führt Krieg gegen die „Veggie-Wurst“ – und alle verlieren
Sonst scheint nichts los zu sein, wenn sich das EU-Parlament Zeit für die Frage nimmt, ob Bezeichnungen wie „Veggie-Wurst“ auf einer Verpackung Kundentäuschung sind. Die Antwort der EU darauf lautet übrigens: ja. Die Fleischlobby freut sich, Konsumenten werden für dumm verkauft und am Ende nicht nur Leute, die sich gerne vegan ernähren.
Den Antrag ins Parlament eingereicht hat die französische Konservative Céline Imart. Sie gehört ebenso wie CDU und CSU der Fraktion Europäische Volkspartei (EVP) an. Laut Imart bestehe „ein echtes Verwechslungsrisiko“, weil pflanzenbasierte Ersatzprodukte nicht dieselben Nährwerte böten. Daher sollten auch Begriffe wie „Wurst“, „Schnitzel“ oder „Burger“ nicht auf der Verpackung veganer Produkte stehen.
Es geht um Transparenz und Klarheit für den Verbraucher und um Anerkennung für die Arbeit unserer Landwirte
Céline Imart via Tagesschau
Deutsche essen weniger Fleisch – und Veggie soll Schuld sein
Der Verband der Fleischwirtschaft befürwortet ein „Verbot“ der Veggie-Wurst. Ihm dürfte es aber vielmehr ums Geld gehen. In der Tendenz sank der Fleischkonsum in Deutschland in den letzten Jahren. Das bedeutet weniger Tierleid, aber auch weniger Profit.

Auf der anderen Seite war die Fleischproduktion 2024 so hoch wie seit seit dem Rekordjahr 2016 nicht mehr, wie die Tagesschau berichtet:
- Im Jahr 2024 haben gewerbliche Schlachtunternehmen rund 6,9 Millionen Tonnen Fleisch hergestellt.
- An den Rekord von 2016 reichen sie damit nicht heran, da waren es 8,4 Millionen Tonnen.
Hohe Fleischproduktion bei tendenziell weniger Fleischkonsum? Das geht gar nicht!
Jetzt könnte man darauf reagieren, indem man versucht, Fleisch wieder „attraktiver“ zu machen. Man könnte etwa in Nachhaltigkeit investieren: Tierwohl, solche Dinge. Allen, die Fleisch essen wollen, aber eben nicht die Industrie in ihrer derzeitigen Form unterstützen wollen, wieder ein gutes Gewissen machen.
Oder man sagt, selbstverständlich nur im übertragenen Sinne: „Leute kaufen aus Versehen Veggie-Alternativen, obwohl sie doch eigentlich unsere Wurst aus Fleisch haben wollen. Das liegt sicher nur daran, dass da auch Wurst darauf steht. Also lass das mal verbieten.“
Der neue Vorstoß würde Einkaufen nur noch verwirrender machen
Das Transparenz-Argument scheitert an einer bedeutenden Hürde: der Realität.
- Die ganzen fett gedruckten „vegan“-Labels, mit denen etwaige Produkte auf der Verpackung beworben werden, müssen wir hierbei gekonnt ignorieren.
- Ebenso die Tatsache, dass ein gut sortierter Supermarkt vegane und tierische Produkte klar voneinander getrennt aufbewahrt.
Verbraucherschützer meinen daher: „Niemand kauft versehentlich Tofuwürstchen, weil er glaubt, es seien Rinderknacker.“ Das sagt Dr. Chris Methmann, Geschäftsführer der Organisation Foodwatch.
Laut Foodwatch dürfte die Umsetzung dieses Vorhabens nur noch mehr Verwirrung stiften:
In Wahrheit würde das geplante Verbot eher für noch mehr Verwirrung sorgen: Wenn die Tofuwürstchen auf einmal „Tofustengel“ heißen, bringt das nicht mehr Klarheit im Supermarkt.
Zudem schadet dieser Feldzug gegen die Veggie-Wurst auch der Fleischindustrie. Einige der beliebtesten veganen Fleischersatzprodukte werden nämlich von Unternehmen hergestellt, die auch tierische Produkte verkaufen.
Claudia Hauschild, Kommunikationsleiterin der Rügenwalder Mühle warnt im Interview mit der Berliner Zeitung: „Bei uns sind rund 70 Prozent des Sortiments pflanzliche Produkte.“ Allein für die Umstellung all dieser Produkte rechnet das Unternehmen mit einem einstelligen Millionenbetrag an Kosten.
Hinzu komme der Markteffekt: „Etwa 20 Prozent unserer Käufer sind Neukunden, also Menschen, die neu in die Kategorie kommen“, sagt Hauschild. „Diese orientieren sich an vertrauten Begriffen. Wenn Produkte plötzlich unverständliche Namen tragen, werden viele wohl nicht mehr zugreifen. Das könnte dauerhaft zweistellige Millionenverluste bedeuten – weil der Markt dann einfach nicht mehr so wächst.“
Ja, diesmal gibt es wirklich wichtigere Probleme
Wem außer irgendwelchen Fleisch-Ideologen soll dieses Verbot also irgendwas nützen? Wer einen Hass auf alles Vegane oder Vegetarische hat, der dürfte mit dieser Entscheidung zufrieden sein. Alle anderen fragen sich hingegen: Ist diese Diskussion wirklich die Zeit wert?
Klar sollte ein Problem nicht ignoriert werden, nur weil es auch andere gibt. Der Satz „Haben wir keine anderen Probleme?!“ fällt auch dann gerne, wenn die Regierung mal etwas für eine Minderheit in der Bevölkerung tut. Als wären die Probleme dieser Leute nicht wichtig, nur weil sie nicht alle gleichermaßen treffen. Nur ist das Problem (wenn man sinkenden Fleischkonsum als Problem betiteln will), nicht dadurch zu lösen, Fleischalternativen so verwirrend wie möglich zu gestalten.
Immerhin ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die 27 EU-Staaten müssen dem Vorhaben erst zustimmen, bevor es in Kraft treten kann. Es bleibt also noch genug Zeit, um diesem mehr als sinnlosen Gesetz einen Riegel vorzuschieben.
Und noch eine Schlussnachricht an alle verbitterten Fleischesser da draußen, zu denen wohl auch Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner „Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan“-Aussage bei Caren Miosga in der ARD zählt: Ja, eine Wurst darf auch vegan sein. Wenn du weiterhin anderer Ansicht bist, dann beiß nächstes Mal zu Mittag eben in ein ganzes Schwein – „Wurst ist schließlich kein Schwein, Schwein ist Schwein“.
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