„Ich wusste, dass sie zurückkommt!“ Über ein Leben ohne Eifersucht

Von Alina Schröder

Kurz bevor meine Eltern 1975 heiraten, macht meine Mutter noch einmal Urlaub. Mit einer Freundin auf Mallorca. Sie verliebt sich in den Schweizer Robby, gesteht es meinem Vater und entschließt sich Robby für vier Tage zu besuchen. Mein Vater fährt sie damals sogar zum Flughafen, um in die Schweiz zu fliegen: „Ich wusste, dass sie zurückkommt!“… und er hat Recht behalten.

Diese Geschichte lässt mich immer wieder mit Fragen zurück: Lag es an der Zeit? An meinem Vater? Oder der verblassten Erinnerung? Diese Geschichte vom Urlaubsflirt meiner Mutter und dem Mut, der Naivität, aber auch dem Selbstbewusstsein meines Vaters. Er lässt meine Mutter noch mal gehen. Die Frau, die er heiraten will. Sie ist 23, er 36.

Keine Eifersucht? Gibt es das überhaupt?

Er steht über all dem, was man Stolz nennt, ganz zu schweigen von biederen Besitzansprüchen. Und das in einer Zeit, in der Frauen noch lange nicht gleichgestellt sind, in der sie in der Schweiz erst seit ein paar Jahren wählen dürfen, in der Alice Schwarzer noch für Dinge kämpft, die junge Frauengenerationen heute als selbstverständlich annehmen.

In dieser Zeit hebt mein Vater den Koffer meiner Mutter in seinen Porsche 924, damit sie zu dem Mann fliegen kann, für den ihr Herz gerade tanzt. „Ich kenne so etwas wie Eifersucht nicht!“, hat er mir mal gesagt. Gibt es das? Keine Eifersucht? Ist es nicht immer eine Frage der Grenze, die jeder für sich individuell zieht? Der eine wird bei Blickkontakten eifersüchtig. Andere beim Knutschen und für die Großzügigen ist erst eine Affäre ein wirkliches Vertrauensproblem. Zugegeben, die Grenze meines Vater liegt sehr weit am Ende dieser Skala. Ein Mü entfernt von Ignoranz vielleicht.

Eigentlich nur ein Hochstapler

Oder konnte er verdrängen, was da passiert? Das schließe ich inzwischen aus. Er spricht reflektiert darüber und was er sagt, ist logisch: Sollte meine Mutter nicht zurückkommen, war die Beziehung zwischen ihr meinem Vater nicht stark genug. Sollte meine Mutter wiederkommen, wusste meine Vater, dass sie bleiben wird. „Es war klar: Das ist ein Urlaubsflirt!“ Keine Angst? Dass sie doch da bleiben könnte? Für ihn war klar: Robby ist ein Hochstapler. Er habe ihr erzählt, er fahre einen Lancia und sei Architekt. In Wirklichkeit fuhr er nur einen Fiat 500 und war technischer Zeichner. Das erzählt mein Vater mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, mit dieser „Ich-habs-gewusst“-Attitüde und vielleicht doch mit einem Hauch von patriarchalischen Weltbild, das in einem Mann steckt, der 1939 geboren wurde. Arrogant wirkt er dabei allerdings nie.

Meistens bewundere ich meinen Vater für diese Geschichte. Er ist kein wahnsinnig spiritueller Mensch, erst recht kein religiöser. Er ist auch kein kalter Mensch, dem das alles schlicht egal war. Er schafft es aber auch in solchen Situationen Dinge voneinander zu trennen, die meine Generation kaum zu trennen vermag. In diesem Fall: Das Verknalltsein in den Schweizer hat nichts oder nur sehr wenig mit unserer Liebe zu tun. Meiner Partnerin irgendwas zu verbieten macht – auch 1975 – überhaupt keinen Sinn und ich scheiße auf gesellschaftliche Konventionen, die unser Verhalten als unmoralisch, atypisch oder nicht geschlechterkonform abstempeln wollen.

Nach einem Tag kam sie zurück

Nach einem Tag hat meine Mutter ihren Besuch in der Schweiz abgebrochen, schon in der Ankunftshalle des Flughafens und beim Anblick von Robby wusste sie, dass sie am nächsten Tag zurückfliegen würde. Sie kam zu meinem Vater zurück und hat ihn geheiratet. Danach war nicht immer alles gut, aber sie wusste, sie kann ihm Dinge anvertrauen, ohne dass er sie verlassen wird. Und das ist vielleicht eines von vielen Geheimnissen einer langen Ehe: Freiheiten lassen, Stolz schlucken und akzeptieren, dass Bedürfnisse, welche auch immer das sein mögen, nicht erdrückt werden können. Zumindest nicht langfristig.

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Bildquelle: Alina Schröder

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