Zukunft: Und plötzlich bist du alt

Altes Paar

Von Patrick Wagner

 

„Du glaubst nicht wirklich, dass wir noch Rente bekommen, oder?“, die Gruppe von Kulturstudenten Anfang bis Mitte Zwanzig beginnt lauthals zu lachen und der jüngere Erstsemester-Student läuft rot an. Die Frage, wie es denn mit beruflicher Sicherheit und Altersarmut aussehe, ist wohl doch nicht so ernst, wie gedacht. Warum können wir eigentlich so zynisch über dieses Thema lachen? Abgesehen von Rente scheinen wir uns gar keine ernsthaften Gedanken zu machen, was die ferne Zukunft angeht.

Okay, wahrscheinlich werden wir alle arbeiten müssen, bis wir uns in den Sarg legen. Aber es gibt doch noch mehr als nur das! Oder? Also muss es doch.

 

Läuft bei mir?

 

Die nervigfrische Großmutter Charlotte Heins aka „Löttchen 29“ aus der aktuellen Telekom Werbung ist immer vorn dabei. Breitbandinternetverschnellerungsturbo, Selfie-Hype und Online-Freundschaften. Läuft bei ihr, könnte man meinen. Dem gegenüber steht jedoch die Werbebotschaft von Vodafone. Ein alter Mann lässt seine Löffelliste durch die Enkelin abarbeiten, welche ihn per Videochat sogar mit seiner Jugendliebe wiedervereint.

 

 

Abgesehen von diesen Vorlagen aus Köpfen von „Mad Men“-mäßigen Werbetextern kann man es im hohen Alter jedoch wirklich noch krachen lassen. Die Südafrikanerin Georgina Harwood feierte ihren 100. Geburtstag mit ihrem dritten Fallschirmsprung. Den ersten hat sie schon mit 92 gewagt. Diesmal jedoch sprangen sogar 15 Familienmitglieder mit, die sich von der Lebenslust wohl nur anstecken lassen konnten. Anschließend tauchte Harwood noch in einem Haikäfig ab.

„Na, das Gute ist ja, wenn du so alt bist, hast du auch keine Angst mehr zu sterben!“, sagt Regine lachend, während sie den kleinen Bericht in der Tageszeitung ließt. Neben ihr schaut eine Freundin aus der breiten Fensterfront des Altenheims und seufzt: „Denkst du, wir schaffen das heute Mittag mit dem Walking? Ich hab noch ’n Friseurtermin.“

Anscheinend hat man auch im Alter immer noch etwas zu tun, wenn man es denn möchte. Genauso gut kann man isoliert vor sich hin vegetieren und das Unvermeidliche abwarten.

„Der liebe Gott hat mich einfach vergessen“, flüstert der 93-Jährige vor sich hin, der lediglich aus dem Zimmer gerollt kommt, wenn ihn ein junger Pfleger in das Foyer schiebt. Anschließend werden die Essensverstecke vom Personal abgesucht. Wenn man Jahre der Entbehrung im Krieg mitgemacht hat, rechnet man gezwungenermaßen stets mit dem schlimmsten und hortet alles mögliche im Nachttisch. Vor allem nun, da Russland wieder Querele macht und Griechenland millionenschwere Reparationsforderungen stellt.

 

Entschleunigte Lebensplanung

 

Ich weiß nur, dass ich nicht unbedingt in einem Altenheim meinen Lebensabend verbringen möchte. Auch wenn man unter Gleichgesinnten und „Leidensgenossen“ nicht einsam werden muss, sondern so etwas wohl selbst bestimmt. Lieber würde ich es nach der Devise von Urgroßmutter ‚Dienchen‘ angehen: „Einfach schlafen gehen und am nächsten Morgen tot aufwachen.“ Und bis dahin am besten bei der Familie bleiben können.

Heutzutage ist das jedoch nicht mehr so. Wahrscheinlich wird es aber dahin zurück gehen, wenn es eben keine staatliche Altersvorsorge mehr geben sollte und einen die Kinder noch stützen müssen. Dabei ist Familie doch auch immer weiter weg gerückt. Erstmal Karriere. Ausbildung. Praktikum. Studium. Und plötzlich ist man schon Ende 30 und merkt, dass man noch gar keine Kinder bekommen, geschweige denn geplant hat!

Ohne Kinder demnach dann keinen gesicherten Ruhestand? Bleibt sich also gleich, ob ich Nachwuchs bekommen sollte, damit er die Rentenkassen füllen oder mich später noch versorgen kann. In meinen Mittzwanzigern denke ich oft daran, dass meine Mutter im gleichen Alter schon längst zehn Jahre Arbeitserfahrung vorweisen konnte und mit mir schwanger war. Ich studiere noch und schlafe lange. Wahrscheinlich sind wir aber auch in solchen Dingen einfach entschleunigter als die Babyboomer oder die Kriegsgeneration davor.

 

Und plötzlich bist du alt

 

Ist man irgendwann auf magische Weise alt? Werden die Klamotten im Schrank über Nacht beige und liegt ein Kissen auf der Fensterbank, sodass man bequemer dem Getümmel in der Nachbarschaft zuschauen kann? Plötzlich ist der Kater zu heftig um nicht mehr am Wochenende zu feiern und die senile Bettflucht raubt einem den Schlaf?

Nein, das alles ist ein schleichender Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzieht. Plötzlich erwischt man sich dabei, wie froh man doch ist, dass der Briefkasten leer ist. Keine Post ist schließlich immer noch besser als die zweite Mahnung des Grünstromlieferanten. Von Kindern und Jugendlichen wird man auf einmal mit „Sie“ angesprochen und runzelt die Stirn. Anstatt sich Wiederholungen von erwachsenen Cartoons anzusehen, schaltet man zur Tagesschau oder interessiert sich für eine Reportage über Rückenleiden, die auf einem Drittsender läuft.

 

Oma mit Skinny Jeans

 

Altwerden, Interessensverschiebungen und körperlicher Verfall lassen sich nur bedingt aufhalten. Und seien wir mal ehrlich: Diejenigen, die sich krampfhaft jung halten wollen ziehen meistens nur Spott auf sich. Man muss ja auch keine Skinny Jeans und Chucks mehr tragen wenn man Ende 50 ist. Wenn Hintern, sowie Füße, das nicht mehr zulassen. Genau sowenig muss man noch Alligatoah (aber auch nicht gleich deutsche Volkslieder) hören. Auch Oma Löttchen Heins hat ja da immer mal etwas mit dem gelungenen Spagat zwischen jugendlich und lächerlich zu kämpfen.

Für all das haben wir doch nun genug Zeit und sollten diese auch nutzen. Aber wenn man es nicht schafft und schon im Alter angekommen ist, wäre es das Beste es wie Judi Dench in „Best Exotic Marigold Hotel“ anzugehen. Einfach neu anfangen, wenn man alt ist und keine Lust mehr auf alles hat, was man kennt. Egal ob Kinder und verwitwet. Auch im hohen Alter wird man sich noch mal neu verlieben, kann reisen oder erste Erfahrungen sammeln. Schließlich können wir unser Leben so oft neu anfangen, wie wir wollen.

 

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Bildquelle: Garry Knight unter CC BY 2.0