München und das Medienversagen: Von Social Media und Selbstdarstellung

Muenchen-Amoklauf-Smartphon

Von Philipp Pander und Juliane Becker

Der schreckliche Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum, der zehn Menschen das Leben kostete, wirkt auch bei uns, der gesamten ZEITjUNG-Redaktion, noch nach. Der Großteil unseres Teams lebt in München, viele kommen von hier. Einige von uns saßen am Freitag bis Mitternacht gemeinsam in unserem Hinterhof-Büro in der Innenstadt zusammen. Lange überlegten wir, wie wir die Ereignisse inhaltlich behandeln wollen. Gar nicht so einfach in Stunden voll Unklarheit, Nervosität und (social) medialer Überreaktion.

Der 22. Juli 2016 hat für uns vor allem drei Dinge offenbart. Wie wichtig in einer solchen Extremsituation ein kompetenter Polizeisprecher ist. Dass auch die Münchner in schlimmen Situationen zusammenstehen und ihre Herzen und Türen öffnen. Und dass wir alle – ob normale Leute oder Medienvertreter – noch eine ganze Menge im Umgang mit den sozialen Medien lernen müssen.

 

Hörensagen und Halbwahrheiten

 

In Zeiten, in denen schier monatlich terroristische Akte bei unseren europäischen Nachbarn verübt werden, ist es nur verständlich, dass die Leute sich auch hier mit der drohenden Terrorgefahr beschäftigen und Angst haben. Auch uns ging es so, wir diskutierten schnell über einen möglichen islamistischen Hintergrund der Tat, während ein Hubschrauber über dem Innenhof kreiste. Oder vielmehr mögliche Taten. Denn den Äußerungen in den sozialen Medien zufolge schien halb München plötzlich zeitgleich von Attentätern ins Visier genommen worden zu sein. Im Minutentakt schossen dramatische Posts mit neuen „Infos“ über die Newsfeeds von Twitter und Facebook. Gepostet von normalen Bürgern. „Angeblich auch Schüsse am Isartor“, war da zum Beispiel zu lesen. Gerüchte über Anschläge am Odeonsplatz und Tollwood machten ebenfalls schnell die Runde und wurden zigfach geteilt. Viel Hörensagen, Genaues weiß man nicht.

So entwickelte sich ein immer schneller drehendes und heiß laufendes Perpetuum mobile: Verunsicherung. Gerüchte. Mehr Tweets und Posts. Mehr Verunsicherung. Mehr Gerüchte. Panik.

Dies führte zu unfassbar vielen Veröffentlichungen in Privat-Accounts. Viele wollten da jetzt irgendwie dabei sein. So schnell, so aufgeheizt wie alles plötzlich war.

Smartphone. Social Media Account. Selbstproduktion. Diese Kombination genügte für einen unübersichtlichen Sturm aus tatsächlichen Infos, Gerüchten, Fehlinformationen und Selbstdarstellung. Erschwerend nicht nur für die Münchner Polizei – „Das Problem ist aber, dass Facebook und Twitter auch genutzt werden, um mögliche Hinweise zu geben oder Falschmeldungen in die Welt zu setzen“ (Polizeipräsident Hubertus Andrä) -, sondern natürlich auch für die Medien, die hier eigentlich ein wesentliches Korrektiv, ein Filter, hätten sein müssen.

 

Periscope-Bilder im TV

 

Denn auch wenn über die sozialen Netzwerke Amateure in solchen Ausnahmesituationen plötzlich zu Medien- und Meinungsmachern werden, darf man nicht vergessen, dass sie sich bei all der Unerfahrenheit zwar Fahrlässigkeiten wie Fehlinformationen verkneifen sollten, bei all der Hektik und Emotion aber den Überblick verlieren und in Aktionismus verfallen dürfen. Denn hier würden normalerweise die Medien ins Spiel kommen, die Informationen auswerten und prüfen müssen, bevor sie an die Öffentlichkeit berichtet werden. Die Realität sah über weite Strecken anders aus.

N24 war als einer der ersten Sender mit Live-Bildern vom Olympia-Einkaufszentrum auf Sendung. Verwunderlich schnell. Dies ging, weil sich der Nachrichtensender vermutlich an einem Periscope-Stream für sein Live-Programm bediente. Genauso wie N-TV, das wohl den gleichen Stream nutzte. So berichtete der Persicope-Nutzer „Jack Daniels“ als Amateur-Reporter vor Ort vom OEZ für mehrere – auch internationale Medien. Er kommentierte das Geschehen, ordnete ein. Ohne ein Wort zuvor mit einer der Redaktionen gewechselt zu haben, ohne nur im Geringsten einschätzbar zu sein. Bei Ereignissen solcher Tragweite ein journalistischer Wahnsinn. Und wie weit ist es gekommen, wenn selbst der so seriöse und tradierte Bayerische Rundfunk via Twitter nach Periscope-Usern vor Ort fragt… Und das, obwohl schon die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Frankreich zeigte, wie gefährlich es sein kann, mit Live-Bildern von einem Polizei-Einsatz an einem noch aktiven Tatort zu berichten. Ein entsprechender Aufruf der Polizei wurde auch medial schlicht ignoriert. Alles für die Schnelligkeit, alles für die krassesten Bilder. 

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