ASMR: Mit diesen Videos soll man angeblich sofort einschlafen

ASMR Videos zum Einschlafen

Ins Bett legen. Kopfhörer auf. Video starten. Eine junge Frau flüstert mir unverständliche Worte vom Bildschirm zu. Mein erster Gedanke: creepy! Das YouTube-Video soll angeblich ein Entspannungsvideo sein. Aber ihre Stimme irritiert mehr, als es mich entspannt. Aber als sie langsam mit dem Pinsel über ein Mikrofon streift, spüre ich es auch: Dieses Kribbeln auf der Kopfhaut, das sich bis in die Fingerspitzen zieht. Ich bekomme Gänsehaut.

 

Was ist das für ein YouTube-Trend?

 

So wie mir geht es vielen Menschen. Immer mehr ASMR-Videokanäle entstehen und die rasant steigenden Klickzahlen beweisen, dass die Gemeinschaft der „Ohrgasmusjünger“ wächst. ASMR ist die Abkürzung für „Autonomous Sensory Meridan Response“ und beschreibt das Phänomen, dass durch auditive oder visuelle Trigger beim empfänglichen Menschen Reize ausgelöst werden. Die Zuschauer lauschen in den Videos Flüstertönen, leisen Kratzgeräuschen oder raschelndem Papier. Dabei empfinden viele tiefe Entspannung und fallen zum Teil in einen tranceartigen Zustand der einer Hypnose gleicht.

 

Hypnose für Zuhause

 

Das Ganze ist absolut ungefährlich, wie Hypnotherapeut Olf Stoiber, Vorsitzender des Deutschen Bands für Hypnose, gegenüber ZEITjUNG erklärt. Er geht davon aus, dass diese Art der Entspannung eine neurologische Reaktion ist, die bereits in frühster Kindheit veranlagt wurde. „Säuglinge und Kleinkinder kann man durch sanfte Gesten und Berührungen von Angstzuständen befreien. Möglicherweise wird diese Reaktion bei manchen Menschen abgespeichert und kann später – völlig unterbewusst – durch ähnliche Auslöser wieder getriggert werden.“

Sophia produziert diese Entspannungsvideos für ihren YouTube-Kanal „ASMR Massage und Flüsterentspannung“. Sie zeigt in ihren Videos oft Kopfmassagen. Das Geräusch, das bei dem Streichen durch die Haare entsteht löst bei ihren Fans das angenehme Kribbelgefühl aus. Die Videos werden oft mit speziellen 3D-Mikrofonen aufgenommen, um die Geräusche über beide Ohren zu verstärken. Außerdem erklärt Sophia mit leiser Stimme wie sie bei der Massage vorgeht.

Ihre Erklärungen bringen zusätzlich Ruhe in ihre Videos. „Ich habe festgestellt, dass es hilfreich ist, wenn ich selbst müde bin, da meine Stimme dann noch entspannter klingt.“ so Sophia. Die YouTuberin erzählt, dass ASMR vor rund zwei Jahren aufkam. Ihre Theorie ist, dass das Kribbeln auf der Kopfhaut zu dieser Zeit einem Namen bekommen hat. Erst als man ASMR so auch bezeichnen konnte, begann die Verbreitung in den sozialen Medien. Hypnotherapeut Stoiber kann diese Entwicklung bestätigen. „Davor konnte man dem Kind keinen Namen geben“ und kaum jemand sucht wahllos nach Begriffen wie: Gänsehautgeräusche, Knistertöne, Flüsterstimmen.

 

Videos vorm Schlafengehen

 

Auch viele Menschen mit Schlafproblemen wurden so auf die entspannende Wirkung der Geräusche und Bilder aufmerksam. So geht es auch Studentin Johanna. Sie wälzt sich oft stundenlang im Bett herum bis sie endlich einschläft. Am nächsten Tag fühlt sie sich schlapp und kann sich in der Uni nur schwer konzentrieren. „Ich fühle mich wie als wäre ich feiern gewesen, obwohl ich die ganze Nacht im Bett lag.“ Auf der Suche nach Hilfe stieß sie auf ein ASMR-Forum und lernte das Phänomen kennen. Besonders die flüsternden Stimmen helfen Johanna schneller einzuschlafen. Man muss ganz genau hinhören, um überhaupt ein Wort zu verstehen, erzählt Johanna. Dabei fallen ihr dann schnell die Augen zu. Für Dr. Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlaflabors des Pfalzklinikums, ist das nicht verwunderlich: „Die Videos lenken den Menschen von nächtlichen Gedankenkreisen ab und dann finden sie eher Schlaf. Deshalb erstaunt es mich auch nicht, dass von Schlafstörungen Geplagte auch in den neuen Medien nach Ablenkung suchen.“

 

Ohrgasmus, ich komme – nicht.

 

Der Trend der ASMR-Videos hilft also vielen Menschen beim Entspannen und Einschlafen. Ins Bett legen. Kopfhörer auf. Video starten. Einpennen? Funktioniert bei mir. Allerdings bezweifle ich, dass es an den Flüsterstimmen liegt. Die sind und bleiben irgendwie gruselig. Aber das Geraschel und Gekratze kann wirklich ein angenehmes Kribbeln auslösen. Mehr – bei mir – nicht. Von wegen Ohrgasmus!

 

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Bildquelle: Nickolai Kashirin unter CC BY 2.0